Ankunft

Dies ist ein Bericht über unsere ersten Stunden in China, geschrieben von Michael am 24. Juli 2020.

Tianjin, Ortszeit 22.37 Uhr, im Hilton Tianjin Eco-City.

Falls das mal jemand in vielen Jahren lesen sollte, das Folgende zum Verständnis: Derzeit wird die Welt von der sogenannten Corona-Pandemie heimgesucht. Corona ist eine Viruskrankheit. Diese heißt offiziell COVID-19 und der Erreger-Virus heißt Sars-CoV-2. Die Krankheit kann (auch) über die Atemluft übertragen werden und sehr unterschiedliche Verläufe nehmen: Von fast symptomfreien Krankheitsverläufen bis zu Todesfällen kommt alles vor. Nach den derzeit bekannten Zahlen sterben etwa 5% der Infizierten. Die Lunge ist das am stärksten befallene Organ. Auch andere Organe sind betroffen. Auch scheint es Personen zu geben, die scheinbar genesen sind, aber noch Langzeitfolgen haben wie Schwäche und andere Symptome. Die Inkubationszeit kann wohl sehr unterschiedlich sein. Menschen, die infiziert sind, und (noch) keine Symptome zeigen, können offenbar den Virus schon weiter verteilen. Die Krankheit ist neu und unverstanden. Es gibt keine Prophylaxe (Impfung) für die Krankheit. Erste Medikamente zur schnelleren Genesung sind derzeit in der Erprobung. Den Ursprung hat Corona in Wuhan in China im Dezember 2019 (oder früher?) gehabt. In China hat sich die Krankheit dank rigider Maßnahmen weniger stark verbreitet, während sie sich derzeit auf dem gesamten Globus stark ausbreitet. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, wird ein Mund-Nasen-Atemschutz („Maske“) empfohlen und zum Teil auch vorgeschrieben.

China fürchtet, dass Reisende das Virus wieder einführen und dadurch die Infektionen in China wieder zunehmen. Daher ist die Einreise nach China nur in Ausnahmenfällen möglich. Einreisende müssen zunächst 14 Tage in Quarantäne, um abzuwarten, ob bei ihnen Corona ausbricht.

Jetzt sind wir seit knapp 36 Stunden in China und sind in unserem Quarantänequartier. David und ich im Zimmer 3515 und Simone, Paul und Julia in 3516. Nur durch eine Wand getrennt. Sehen dürfen wir uns trotzdem nicht: Das Zimmer werden wir die nächsten 14 Tage nicht verlassen dürfen.

Aber der Reihe nach: Wir sind am Dienstagmittag mit dem Großraumtaxi und viel, wirklich viel Gepäck nach Frankfurt zum Flughafen gefahren. Dort sind wir für eine Nacht in einem Hotel am Flughafen in einer Suite (zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer) untergebracht worden, da wir Dienstag um 17:00 zum Coronatest im Flughafen eingeplant waren. Nicht der erste Test. Eine Woche vor Abflug haben wir uns beim örtlichen HNO-Arzt schon einmal testen lassen – natürlich alle fünf negativ, sonst wäre unser Reise zu diesem Zeitpunkt schon aufgeschoben gewesen.

Dann haben wir uns die Zeit vertrieben, bis es Mittwochmittag war. Zur Mittagszeit haben uns meine Schwester Nicole und unsere Nichte Anna-Katharina noch am Flughafen besucht, um Lebewohl zu sagen. Das hat uns gefreut und war auch ganz praktisch bei all dem Gepäck, das wir zum Check-In bringen mussten. Um 15:00 war Check-In. Alle mit großem Gepäck. So auch wir: Jeder zwei große Koffer, im Schnitt über 20 kg schwer, und ein ordentliches Gepäckstück als Handgepäck.

Beim Check-In die erste Temperaturmessung. Wer mehr als 37.3 Grad Celsius auf das Infrarotthermometer bringt, darf nicht mitfliegen. Paul ist an der Grenze. Nachdem er den schweren Handgepäckrucksack abgelegt hat und sich ein paar Minuten vom Kofferheben erholt hatte, war er wieder ganz cool.

Alles ein bisschen aufregend und es war sehr schön zu sehen, wie wir alle fünf die Aufregung in positive Energie umgesetzt haben und uns auf das Abenteuer eingelassen haben. Für Julchen war es der erste Flug!

Nach Sicherheitskontrolle und etwas Warten saßen wir dann im Flieger. In dem Flugzeug waren nur Mitarbeiter und Angehörige von Mitarbeitern, die für Daimler und Volkswagen in China arbeiten. Viele von uns hätten nach den Reiserichtlinien der Firmen vermutlich einen Platz in der Business Class haben dürfen. Leider hatte das Flugzeug nur recht wenige Business Class und auch nicht viele Premium-Economy Sitze. So sind einige Sitze nach irgendeiner Priorität vergeben worden und der Rest der besseren Plätze ist wohl verlost worden. Uns hat es ganz gut getroffen: Wir hatten einen Business-Class-Platz und vier Plätze in der Premium Economy.

Mittwoch um 11 Uhr morgens sind wir auf dem Flughafen in Tianjin gelandet. Im Flieger war Maskenpflicht. Sonst hat sich die Crew alle Mühe gegeben, den Flug so angenehm und „normal“ wie möglich zu gestalten.

Nach der Landung war es nicht mehr so normal. Ungefähr 15 vollvermummte Personen sind in das Flugzeug gekommen. Bekleidet mit Ganzkörperanzügen mit Kapuze, Plastiküberziehern über den Schuhen, Atemmaske und Gesichtsschutz. Jeder einzelne Reisende wird befragt, ob er Corona-Symptome hat. Die Idee ist, dass die Einreisenden tatsächlich wie Seuchenkranke behandelt werden, bis das Gegenteil „bewiesen“ ist. Familien mit kleineren Kindern ist empfohlen worden, die Kinder darauf vorzubereiten, dass sie erstmal auf Leute treffen, die wie Astronauten aussehen.

Dann durften wir das Flugzeug verlassen und mussten einen definierten Weg durch den ziemlich verwaisten Flughafen an verschiedenen Stationen vorbeigehen. Der Sinn aller Stationen hat sich mir nicht erschlossen. Aber es war natürlich eine Passkontrolle dabei und auch eine Station, an der man unterschreiben musste, dass man frei von Symptomen ist und auch die letzten 14 Tage keine Corona-Kranken getroffen hat. Alle Personen waren vollvermummt. Die wichtigste Station war die medizinische, in der sowohl ein Nasenabstrich, als auch ein Rachenabstrich für einen erneuten Coronatest gemacht wurden. Auch hier waren wir fünf Hilgers alle gelassen und souverän. Macht mich stolz zu sehen, wie gut wir als Familie mit den Spezialsituationen umgehen. Es gab auch Kinder und Teenager, die sich bei den Abstrichen echt schwergetan haben. Zugegeben, es ist nicht angenehm, wenn man ein Stäbchen durch die Nase bis zur Rachenrückwand eingeführt bekommt. Highlight war allerdings der vier Monate alte Säugling unserer Freunde, der sich im Schlaf (!) einen Abstrich der hinteren Nasenschleimhaut und des Rachens gefallen lassen hat.

Heute gab es das Testergebnis: Niemand aus „unserem“ Flieger war positiv.

Dann durften wir unser Gepäck einsammeln und in einen Bus steigen. Es standen zahlreiche Busse bereit, um alle Passagiere ins Hotel zu bringen. Gepäckpacker haben uns geholfen, das schwere Gepäck in den Bus zu stemmen. Diese Helfer, der Busfahrer und auch das Personal im Hotel: alle vollvermummt in Ganzkörperanzügen. Manchmal empfinde ich das als ein bisschen gruselig, manchmal denke ich eher an Teletubbies. Wir rechnen den Chinesen hoch an, dass alle sehr freundlich und hilfsbereit sind, denn es ist bestimmt kein Spaß, in einem Ganzkörperschutzanzug bei über 30 Grad Hitze und schwüler Luft Gepäckstücke zum Teil weit jenseits der 20 kg schwer in einen Bus zu wuchten.

Es ging mit dem Bus zum Hotel. Damit die Wartezeiten klein blieben, ist jeder Bus losgefahren, sobald er mit rund 25 Leuten besetzt war. Vor dem Bus ein Polizeiauto mit blinkenden Blaulicht! Um genau zu sein: mit blinkendem Blau- und Rotlicht, da die Polizei hier abwechseln blau und rot blinkende Warnlichter hat. So kommen dann in den Fernsehnachrichten dramatische Bilder zu Stande: Alle paar Minuten verlässt ein Bus mit vollvermummtem Fahrer und Polizeieskorte unter Blaulicht das Flughafengelände! In Wirklichkeit reisen nur ein paar Automobilwerker mit ihren Familien zu ihrem Arbeitsplatz. Corona macht`s möglich.

Die Fahrt ging vom Flughafen Tianjin ins Hotel in Tianjin. Nach Peking dürfen die Flugzeuge derzeit nicht fliegen. Tianjin? Schon mal gehört? Ich kannte die Stadt vorher nicht. Tianjin liegt nahe Peking am Meer und ist eine 14-Millionen-Stadt! Vom Bus aus konnte man ein bisschen was sehen. Vor allem: unglaublich viele Hochhaussiedlungen. Bewohnte und solche im Bau. Die Zahl der Hochhäuser gibt ein Gefühl dafür, wie viele Menschen hier leben. Julia meinte, hier gäbe es in einer Stadt mehr Hochhäuser als in ganz Deutschland. Könnte sein. Auch sichtbar: Hier in Tianjin ist viel Wasser und viel Grün. In Peking soll es ja eher trocken sein. Und man sieht, dass viel gebaut und viel investiert wird. Riesen Straßen (fünf Spuren in eine Richtung) mit aufwendig gestalteten Grünstreifen am Rand.

Im Hotel, wie gesagt, haben wir jetzt unser Quarantänequartier. Personen über 15 Jahren werden einzeln in Quarantäne genommen. Kinder und jüngere Teenager dürfen bei ihren Eltern bleiben. Das heißt, dass Simone und ich getrennt wurden. Wir waren darauf vorbereitet, dass die Regeln so sind (sie werden wohl von den örtlichen Behörden unterschiedlich streng ausgelegt – hier offensichtlich streng) und hatten festgelegt, dass David mit mir und Simone mit Paul und Julia in Quarantäne gehen. Nun haben wir zwei Zimmer nebeneinander und telefonieren über Haustelefon oder über Videoanruf. Essen wird gebracht. Was wir so in Quarantäne machen, schreibe ich beim nächsten Mal.

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