Leben in der großen Stadt

Bericht acht aus China vom 30. September 2020. Geschrieben von Michael.

Heute möchte ich ein paar Eindrücke teilen, die vom Leben in der großen Stadt handeln.

Wir leben jetzt seit acht Wochen in Peking, sehr zentral am zweiten Ring, und bald werden wir aus der Innenstadt rausziehen. Das hat viele Vorteile, aber ein bisschen tut es uns auch Leid um die vielen Eindrücke, die man besonders leicht sammelt, wenn man mittendrin wohnt.  Die Gründe, warum wir weiter raus ziehen, sind leicht erzählt: In Shunyi (wo ganz viele Ausländer und auch reiche Chinesen wohnen) kann man großzügiger wohnen und sogar einen kleinen Garten haben. Außerdem liegt meine Arbeitsstätte in Huairou doch sehr weit draußen, so dass sich eine Wohnung in der Innenstadt nicht unbedingt aufdrängt. Morgens brauche ich vom zweiten Ring etwa eine Stunde bis Huairou. Das geht noch. Abends hingegen können es auch zwei Stunden werden. Erstaunlicherweise ist das Verkehrschaos nicht sicher vorhersehbar. Es gab schon Tage, da lief der Feierabendverkehr am Freitagsnachmittags um 17:00 am zweiten Ring recht flüssig, und wir haben auch schon Samstagsmorgens um 7:00 auf einer dreispurigen Straße stadtauswärts im Stau gestanden.

Aber jetzt die oben versprochenen Eindrücke aus der Stadt:

Hutongs

Traditionell ist Peking die Stadt der Hutongs. Hutong ist, soweit ich weiß, eigentlich das Wort für Gasse. Mit Hutongviertel sind Viertel aus eingeschossigen Wohnhäusern gemeint (Foto).

Ein typischer Hutong.

Zwischen den Häusern sind oftmals kleine Gassen. Wir haben diesen Baustil schon erwähnt. Die Häuser haben im Zentrum einen Innenhof, auf den alle Räume hinausblicken. Der Innenhof wird durch die Wohngebäude und eine mindestens mannshohe Mauer gebildet. In der Mauer ist ein (in der Regel) zweiflügeliges Tor zur Straße hin. Die traditionellen Hutongsiedlungen müssen immer wieder neuen Hochhaussiedlungen oder breiteren Straßen weichen. Trotzdem gibt es noch viele traditionelle Hutongs. Die Hutongsiedlungen, da eingeschossig, beanspruchen natürlich recht viel Platz. Das erklärt, glaube ich, warum auch das historische Peking schon eine recht große Ausdehnung gehabt hat. In der klassischen Hutongsiedlung haben die alten Gebäude keine eigene Toilette. Dafür gab es und gibt es immer noch überall an der Straßenecke öffentliche Toiletten (Foto). Und, anders als das landläufige Urteil der Westler, sind viele der Toiletten in einem bemerkenswert guten hygienischen Zustand. In der Regel besser als öffentliche Toiletten in Deutschland. Die Standardtoilette ist das „Loch im Boden“, wie man es aus Südeuropa kennt.

Öffentliche Toilette

Hutongviertel und Hochhausviertel, das traditionelle China und das moderne China, liegen direkt nebeneinander.

Hochhäuser

Peking ist eine Stadt der Hochhäuser. Unzählige Hochhäuser, aber kaum echte „Wolkenkratzer“. Peking ist circa 30 Stockwerke hoch. Überall findet man Hochhäuser in dieser Größe, auch 50km außerhalb des Stadtzentrums zum Beispiel in Huairou. Häuser, die deutlich höher sind, gibt es auch. Aber die sind dann tatsächlich selten. Im sogenannten Central Business District CBD, einem Stadtviertel von Peking, ist gerade ein richtiger Wolkenkratzer fertig geworden: das höchste Haus von Peking mit 108 Stockwerken, das fünft höchste Hochhaus Chinas und das neunthöchste Hochhaus der Welt (Foto). Wir sehen das Haus aus unserem Wohnzimmerfenster. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis: Wir haben im Blog eine Bildergalerie erstellt, die nur aus Ansichten aus unseren Fenstern besteht.  Noch ist das höchste Haus Pekings nicht eröffnet, aber wenn es soweit ist, gehen wir mal hin und machen Fotos von der Aussichtsplattform.

Der neunthöchste Wolkenkratzer der Welt, wie wir ihn von unserem Esszimmer aus sehen.

Leben in der großen Stadt

Im Sommer und im Herbst findet viel Leben draußen statt. Zwischen unserem Apartment-Hochhaus und der deutschen Schule (beides nahe des Stadtzentrums) verläuft ein Kanal durch die Stadt. An hochsommerlichen Tagen baden (insbesondere ältere) Chinesen in diesem Kanal. Ein eindrucksvolles Bild: Schwimmer in öffentlichen Gewässern im Stadtzentrum einer 20 Millionen Stadt vor dreißigstöckigen Glasfassaden. Der Kanal, von dem wir hier reden, ist wunderschön angelegt. Wie überhaupt viele der Grünanlagen in Peking bemerkenswert liebevoll angelegt und gepflegt sind. Selbst Verkehrsinseln inmitten einer x-spurigen Hauptverkehrsstraße werden gut gepflegt, regelmäßig gewässert und mit blühendem Blumenschmuck bepflanzt. Am Morgen und am Abend findet das Freizeitleben vieler Pekinger auf den Plätzen und Bürgersteigen zwischen den Häusern statt: Wenn ich morgens um 6:45 aus dem Haus gehe, treffe ich an den gleichen Stellen die gleichen Menschen, die Frühgymnastik machen oder sogar tanzen. Besonders bemerkenswert finde ich ein Paar, das am frühen Morgen den Tag mit Paartanz einläutet. Die beiden haben einen Lautsprecher dabei, aus dem Musik erklingt und dazu wird getanzt (Foto).

Morgens, kurz vor 7

Noch vielfältiger ist das Leben im öffentlichen Raum am Abend. Man sieht ältere Männer Wasserkaligraphie machen, und andere spielen ein Brettspiel (Foto), das vielleicht Ähnlichkeit mit Schach haben könnte (wir kennen die Regeln nicht).

Um die Spieler bilden sich nicht selten Trauben von Zuschauern, die das Spiel kommentieren und offenbar auch Ratschläge erteilen dürfen. Kinder fahren Skateboard oder spielen Fußball. Und immer wieder sieht man Tanzgruppen. Manche mit Fächern, andere mit roten Fahnen, wieder andere machen eher gesundheitsorientierte Bewegungen. Wir kennen uns da nicht so aus, aber vielleicht ist es Tai-Chi oder Chigong oder irgendwas anderes…. 

Genauso, wie wir überall traditionelle chinesische Kultur finden, findet sich auch überall moderner Großstadtchic, wie man ihn in Stuttgart, Berlin, London oder New York finden kann. Wir waren ziemlich neu in der Stadt, als Mo und ich einen Kaffee trinken gehen wollten. Die Chinesen, die wir nach der nächstliegenden Möglichkeit gefragt haben, haben uns in ein Café geschickt, das sich im besten Hipster-Chic präsentiert. Hätte genauso gut in Berlin oder London sein können – das gilt im Übrigen (fast) auch für die Preise in solchen Cafés (Foto).

Das könnte überall sein!

Auch interessant finde ich den Laden im Central Business District, in dem man Nike-Sneakers, die Sammlerstatus haben, kaufen kann. Turnschuhe von Nike, die es nur in begrenzten Auflagen gibt oder gab, werden dort zu teils horrenden Preisen verkauft (Foto). Das kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen.

Nikes für Sammler

Die Möglichkeiten, die man hier hat, um shoppen zu gehen, reichen locker für mindestens drei separate Blog-Einträge. Also vielleicht später mehr über Geschäfte und Märkte.

Bis dahin bleibe ich

Euer Michael   

2 Kommentare zu „Leben in der großen Stadt

  1. Hallo ihr lieben Hilgers,

    danke für Eure tollen Berichte, ich lese alle mit Begeisterung!
    Und ihr bildet mich weiter – zum Beispiel hat mich diese Seite Pekings überrascht.
    Ich dachte immer die armen Menschen, „zusammengepfercht“ in engen Wohnungen
    und keine Natur um sie rum. Wenn man im Kanal schwimmen kann, morgens im freien
    tanzen geht und die alten Männer gemeinsam spielen kommt man schon ins Grübeln.
    Bin gespannt, wann ihr im Kanal zu schwimmen beginnt 😉

    Ich hoffe, Euch geht’s allen gut und jeder hat sein Plätzchen gefunden. Michael scheint
    sich ja schon ganz wohl zu fühlen ….

    Liebe Grüße
    Andreas

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