Eine Weihnachtsgeschichte aus Peking, im Jahre 2020 nach Christi Geburt

Vorwort:
Wir haben versucht, Weihnachtspakete nach Deutschland zu schicken.
Woran wir gescheitert sind, lest ihr hier.

Es geschah aber in jenen Tagen, dass ein Wunsch von Michael und Simone ausging, die Lieben zu Hause in Deutschland zu beschenken. Die Beschenkung selbst geschah, als der Jahreslauf sich dem Ende neigte. Und alle gingen hin, um Geschenke zu kaufen, für alle Lieben in der fernen Heimat, zu denen sie derweil nicht zurückkehren konnten. Es gingen auch Michael und Simone aus Deutschland in Pekings Geschäfte, die Pearlmarkt und 258 heißen, weil sie dort das fanden, was ihre Herzen begehrten. Und sie brachten in ihr Zuhause die kostbaren und wohlklingenden Dinge, die sie in den Regalen gefunden hatten, und wickelten sie in Geschenkpapier und banden goldene Bänder darum. Sie schrieben die Namen ihrer Liebsten darauf und packten sie zu einem wohlgestalteten Bündel, das zu öffnen denen Freunde bereiten sollten, die es erhielten. 

Und des nächsten Tages ging Simone zur China-Post und fragten nach einem Boten, der bringen sollte die Geschenke aus dem Land der Mitte in das Land der Dichter und Denker, mit sanftem Ritt und eiligem Flug, wohlbehütet die kostbaren Gaben, um sie zu legen unter einen tannigen Baum, geschmückt mit Lichtern und Kugeln.

Und es war eine Postfrau in selbigem Büro, die auf strengem Posten stand und des Tags Wache hielten über ihre Herde und alles, was diese verschicken wollte. Und siehe, ein Wachmann stand bei ihr, und die Herrlichkeit des Volkes umleuchtete sie, und Simone fürchtete sich mit großer Furcht. Und die Postfrau sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, denn siehe, ich verkündige dir große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn ich werde deine Waren begutachten und zu deinem Besten entscheiden, was ich davon verschicke. Und von grober Hand zerfetzte sie all die liebevoll verpackten Geschenke und schüttelte bei jedem mit strengem Blick den Kopf. Dies sei euch das Zeichen: Was nicht nach Deutschland verschickt werden darf, muss hierbleiben.

Und plötzlich waren bei Simone der Teufel und eine Menge der höllischen Weggefährten, und sie sprachen:

Welch herbe Enttäuschung umwölkte da ihren Sinn. Umsonst all die Mühe des Einpackens, vergebens die Kosten, zerstört alle Zeichen der Liebe und was tun nun mit all den kostbaren Gaben?

Und es geschah, als der brave Fahrer Jim mit Simone weiter durch die große Stadt fuhr, dass Michael und Simone zueinander sagten: Lasst uns nun hingehen zu DHL und senden diese Sachen, die gekauft sind, welche als Geschenke dienen sollen. Und sie fuhren viele Stunden und fanden DHL in einem Keller liegend, hinter Gehängen aus Plastik und in einem kleinen Raum, denn in der Glitzerwelt war kein Platz für sie.

DHL Peking

Da sie das DHL-Logo endlich sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Büro mit einer Frau und einem Mann, und fielen sich in die Arme vor Freude.

Und dort gab es Schuhkartons und Pappe, Polsterfolien und Klebeband, und sie schnürten ein wildes Bündel aus den Gaben, das gesandt werden sollte nach Hongkong, einen freundlichen Ort mit neutralem Klima, und von dort seine Reise antreten in die weite Welt des Westens.

Pakete packen auf Chinesisch

Als sie das aber gepackt hatten, freute die DHL-Frau sich sehr und machte Simone den Preis kund, welcher über diese Pakete zu reden war. Und alle, die es hörten, verwunderten sich über das, was zu ihnen gesagt wurde, denn es war sehr, sehr teuer. Simone sollte ihre Schätze auftun und beschenken DHL mit Gold, Weihrauch und Myrrhe, und die DHL-Frau und ihr Mann wollten das Geschäft ihres Lebens machen und von nun an nicht mehr arbeiten bis an ihr Lebensende. Und jemand befahl Simone im Traum, dass sie ihre Schritte nicht jemals sollte wieder zur Post lenken; und sie zog durch einen anderen Weg wieder in ihr Haus in Peking.

Simone aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen, und sprach über alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihr zugestoßen worden war.

Und wenn Simone und Michael keine Pakete nach Deutschland schicken, weiß jetzt jeder, warum.

Nachwort: Ein Paket mit 2 Kilo von Deutschland nach China kostet 16 Euro – nicht gerade wenig. Ein Paket mit Elektronik und Umweg über Hongkong kostet von China nach Deutschland fast 20 mal so viel. Und nein, da fehlt kein Komma.

2 Kommentare zu „Eine Weihnachtsgeschichte aus Peking, im Jahre 2020 nach Christi Geburt

  1. Hallo ihr Unglücklichen,
    unser eingefleischtes deutsches Misstrauen regt sich und fragt: Wie kann das sein, wo wir doch allerhand Waren aus China bestellen können, deren Transport keinen Euro kostet. Und es fragt weiter: will uns da jemand diskriminieren, wo wir eher gewohnt sind, Vorteile zu genießen. Oh je, eine böse Geschichte. Deshalb mein Wunsch: lasst euch eure Weihnachtslaune nicht nehmen.
    Liebe Grüße
    Manfred

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