On the road again

Bericht 16 aus China, geschrieben am 11.2.2021 von Simone über Fortbewegung in Peking.

Einen wichtigen Anteil in unserem täglichen Leben nimmt die Fortbewegung ein: Wie komme ich dorthin, wo ich hin will, und wie lange dauert es?

Wir haben bereits eine Menge verschiedener Transportmittel ausprobiert, und alle haben ihre Besonderheiten. Wenn ich es so recht überlege, ist kaum etwas davon wirklich vergleichbar mit Deutschland.

Kurzer Rückblick: In Deutschland hatten wir zwei Autos und haben uns zu 95 % damit fortbewegt. Zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Ausgehen, um Freunde zu besuchen, für Reisen… alles mit dem Auto.

Allein das war hier von Anfang an anders, weil wir zwar ein Auto von der Firma zur Verfügung bekommen haben (sogar dasselbe wie in Deutschland, den Mercedes-Bus), aber hier nicht fahren durften. Man braucht einen chinesischen Führerschein dafür. Als wir den Verkehr von unserer Stadtwohnung aus sahen (am zweiten Ring, mitten drin im Gewimmel, direkt an einem Kreisverkehr – dazu später mehr), hatten wir auch wenig Bedürfnis daran teilzunehmen.

Also war eine unserer ersten Amtshandlungen, einen chinesischen Fahrer einzustellen. Ein Fahrer, der Englisch spricht und sechs Tage die Woche zwischen 7 Uhr morgens und 8 Uhr abends zur Verfügung steht, kostet hier etwa 750 Euro. Viel Geld – aber auch viel Erleichterung im Alltag. Nicht zuletzt, weil Michael jeden Tag mehr als zwei Stunden im Auto sitzt, um zur Arbeit zu kommen. Jetzt kann er die Zeit zum Lesen, Telefonieren, Chinesisch-Lernen nutzen. Und, was nicht zu unterschätzen ist: Mit einem Fahrer muss man keinen Parkplatz suchen und bezahlen. Das ist ein enormer Zeit- und Kostenfaktor in Peking!

Wir hatten also recht schnell einen Fahrer. Damit waren Michaels Arbeitsweg und unsere Ausflüge außerhalb Pekings abgedeckt.

Für die Kinder nehmen wir den Schulbusservice der Deutschen Schule in Anspruch: Sie werden am Eingang unserer Siedlung abgeholt und wieder abgesetzt. Zum Fahrradfahren oder Laufen wie in Deutschland ist es zu weit.

Für mich gibt es eine ganze Reihe von Fortbewegungsmöglichkeiten, um zur Arbeit zu kommen. Als wir noch in der Stadt wohnten, bin ich immer mit dem Fahrrad gefahren und habe es sooooo genossen!!!! Überall in der Stadt stehen Reihen von Leihfahrrädern, die mit einem Klick aufs Handy entriegelt werden (wenn man die richtige App hat). Mit dem Abschließen des Fahrrads wird der Betrag abgebucht, typischerweise 20 Cent. Man stellt das Fahrrad einfach am Straßenrand wieder ab. Weil es absolut flach ist und die Radwege breit wie eine Autofahrspur, kommt man mit den Leihrädern bestens zurecht.

Ich hatte zudem noch das große Glück, dass mein Weg zur Schule entlang eines Flusses führte, dessen Uferpromenade gerade frisch angelegt und geöffnet worden war – jeden Tag ein Genuss.

Nur der Kreisverkehr direkt an unserer Wohnung war jeden Tag eine Herausforderung. Um es mal so zu sagen: Alle fahren in alle Richtungen und haben nur ein Ziel: Augen zu und durch.

Wenn ich mal viel zu tragen hatte oder es regnete, habe ich einfach ein Didi gerufen. Das sind Privattaxis, etwa wie Uber, die es in verschiedenen Preis-, Komfort- und Größenklassen gibt. Das einfachste Didi, meist ein Stufenheck-Auto in Golf-Größe, kostete mich für die Strecke von etwa 15 Minuten (keine Zeitersparnis zum Fahrrad) etwa 2 Euro. Meistens war das Didi schneller an der Tür als ich (wir wohnten ja im 26 Stock).

Wenn wir uns innerhalb der Innenstadt ohne unser eigenes Auto bewegt haben, zum Beispiel sonntags, sind wir meistens mit der U-Bahn gefahren. Die Station war direkt vor unserer Tür und das Netz ist sehr gut ausgebaut. Eine Fahrt kostet etwa 50 Cent pro Person. Die U-Bahnhöfe sind riesig, sehr sauber und überall steht Service-Personal, wenn man Hilfe braucht. Am Eingang ist Temperatur-Messung an der Hand (wegen Corona) und Sicherheitskontrolle. Taschen werden nach Messern, Sprays etc. gescannt, Getränke gesondert durchleuchtet. Paul hatte einmal mehrere Falschen Fanta und Cola dabei, als er auf dem Weg zu einer Party bei einem Freund war, und jede Flasche wurde einzeln überprüft (was und wie genau das Gerät misst oder testet, wissen wir nicht, aber jede Flasche wird einzeln eingelegt). Sehr zur Belustigung der zahlreichen Kollegen des Sicherheitsmannes.

Am Ein- und Ausgang gibt es elektronische Kontrollen, das heißt, ohne Ticket kommt man nicht rein oder raus. Im Zug selbst sind in jedem Abteil Bahnangestellte, die allein durch ihre Anwesenheit für Ordnung sorgen. Auch hier: alles sauber, leise, gesittet. Alle schauen auf ihr Handy.  

Seit wir am fünften Ring wohnen, fahre ich auch mehrmals die Woche mit der U-Bahn zur Schule, oder besser gesagt: Ich habe es versucht. Um 7.30 Uhr geht das noch ganz gut, 8.20 Uhr ist jedoch schlicht nicht möglich. Beim ersten Mal ließ ich die erste Bahn fahren, weil sie zu voll war. Und zu voll heißt: wirklich zu voll. Drinnen standen die Leute schon mit den Gesichtern an die Fenster gepresst. Nach drei Minuten kam ja schon die nächste Bahn. Die war auch zu voll. Einzelne Chinesen quetschten sich noch mit rein, und das ging so: Oben über der Tür von innen festhalten, rückwärts rein und feste drücken. Manchmal klappte es, manchmal wurden sie einfach wieder rausgeschubst.

Nach der fünften Bahn, die ich fahren ließ, bekam ich ein Zeitproblem, ich musste ja zum Unterricht. Also stieg ich rückwärts ein und drückte.

Ein paar Mal habe ich das noch durchgezogen, aber als ich dann nicht mehr aus der Bahn heraus kam, weil die Treppen nach oben nicht alle Leute vom Bahnsteig wegbringen konnten, war es mir wirklich zu arg, und auch zu gefährlich. Jetzt nehme ich um diese Zeit ein Didi (unser Fahrer ist da noch mit Michael unterwegs). Das braucht dafür im Berufsverkehr doppelt so lange wie sonst und kostet auch doppelt so viel.

Im Dezember habe ich außerdem damit begonnen, den chinesischen Führerschein zu machen. Der deutsche wird anerkannt, nur die Theorieprüfung muss man neu machen, da hier tatsächlich teilweise andere Regeln gelten: Rechts abbiegen ist beispielsweise immer erlaubt, auch wenn die Ampel rot ist. Hupen ist gefordert, wenn man überholt und den Überholten auf sich aufmerksam machen will. Je nach Fahrspur gelten auf der Autobahn unterschiedliche Geschwindigkeitsbegrenzungen und Mindestgeschwindigeiten.

Vieles, was man im Alltag dauernd sieht, ist jedoch nicht erlaubt, etwa rechts überholen, Standstreifen befahren, ohne Nummernschild fahren. Fußgänger, Fahrradfahrer, Motorradfahrer und sogar die ganz kleinen Autos halten sich faktisch an keine Regeln, sie nehmen einfach jede Lücke und fahren, wo sie wollen, auch gegen die Fahrtrichtung. Am liebsten ohne Licht und mit dem Blick aufs Handy.

Die Theorie-Prfüung kann man in allen möglichen Sprachen ablegen, darunter auch Deutsch oder Englisch. Die deutschen Übersetzungen waren lange wohl nicht verständlich, deswegen machen die Deutschen die Prüfung lieber auf Englisch; ich habe jedoch den Eindruck, dass die Übesetzungen inzwischen ziemlich gut sind. Und auch auf Englisch sind einige Fragen so, dass man sie einfach auswendig lernen muss:

Meine Lieblingsfrage ist übrigens:  

Seit vier Wochen habe ich nun den Führerschein, habe sofort ein Knöllchen wegen Falschparkens bekommen (nach einer Stunde Parkplatzsuche haben wir es darauf ankommen lassen) und komme besser mit dem Verkehr zurecht als gedacht. In Kreisverkehren mache ich die Augen zu und halte drauf, Rechtsabbiegen bei Rot wird vermutlich eher in Deutschland zum Problem… und sonst genießen wir die Freiheit, die sich mit dem Führerschein ergibt.

Von unserer Reise mit dem Schnellzug berichten wir ein anderes Mal, das ist eine Geschichte für sich.

Bis dahin liebe Grüße, passt gut auf euch auf und bleibt optimistisch!

Denn: Im 1,4 Milliarden-Land China hat es seit 5 Tagen keine einzige Corona-Neuinfektion gegeben! Es geht. Außerdem hat heute um Mitternacht das Jahr des Ochsen begonnen, und ich bin mir sicher: Der Ochse wird es richten.

So sieht übrigens ein kleines privates Feuerwerk zu Chinese New Year aus – die es zu tausenden gibt.

Alles Liebe, Simone

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