Urlaub, Teil 6: Eine tibetische Lebensgeschichte

Bericht 27 vom 16. August 2021, geschrieben von Michael.

Heute mal ein Bericht ganz ohne Fotos, aber nicht weniger interessant, wie ich finde.

Wir haben auf unserer Reise einen Tibeter kennen gelernt, der uns aus seinem Leben erzählt hat. Er kommt aus einem sehr ländlichen Dorf in Tibet. Er hat sieben Geschwister, wovon eins schon gestorben ist. Es ist ihm als Jugendlicher schwergefallen, sich in der Schule an die Regeln zu halten und er hat sehr viel Ärger gehabt: Er hat sich mit den Lehrern und mit anderen Schülern gestritten und ist deswegen von der Schule geflogen. Nachdem er ein Jahr zu Hause rumgesessen hatte, hat er den Entschluss gefasst zu fliehen. Er ist im Alter von 14 Jahren, das war im Jahre 1994, von zu Hause weggelaufen. Seine Eltern wussten nichts davon. Ihm ist erzählt worden, dass man in Indien besser leben kann. Dorthin ist er geflohen. In Indien gibt es viele tibetische Menschen. Dort hat er Anschluss gefunden und er ist auf eine tibetische Schule in Indien gegangen, die aus Spenden finanziert wird. Später zur High-School ist er dann in der Nähe von Bangalore gewesen. Daher kann er vorzüglich Englisch. Im Alter von 22 Jahren konnte er wieder Kontakt zu seiner Familie aufnehmen. Seine Mutter hat also erst acht Jahre, nachdem er weggelaufen ist, erfahren, wo ihr Sohn ist. Sein Vater ist in dem Jahr, in dem er von zu Hause weggelaufen ist, an einem Hirnschlag oder Hirntumor gestorben. Seine Mutter ist mit 73 Jahren gestorben. Sein ältester Bruder lebte mit der Mutter zusammen, bis sie gestorben ist und hat das Erbe der Mutter erhalten.

Als Erwachsener hat ihn das Heimweh gepackt und er wollte zurück nach zu Hause. So ist er, nachdem er 15 Jahren in Indien gelebt hatte, nach China zurückgekehrt. Dort hat man ihn erst mal ins Gefängnis gesteckt. Für sechs Monate; bevor seine Identität geklärt war. Denn er hatte ja keinen Pass.

Er hat nach seiner Rückkehr für einen Monat bei seiner Familie im Dorf gelebt. Dann ist er nach Shangri-La gegangen, da es dort bessere Aussichten für einen Job gab. Nach zwei oder drei Jahren in Shangri-La hat er seine Frau kennen gelernt. Jetzt lebt er mit seiner Frau in Shangri-La. Seine Frau ist aus der Naxi-Minderheit und stammt aus Shangri-La. Sie haben eine Tochter. Er sagt, dass Mischlingskinder aus Naxi und Tibetern sehr intelligent seien. Seine Tochter soll viel lernen und einen guten Beruf ergreifen. Aber die Berufswahl kann er nicht entscheiden, das macht sie selber.

Angeblich ist er 43 Jahre alt. Das passt nicht ganz genau zu den anderen Zeitangaben, könnte aber auf den Unterschied zwischen chinesischem Kalender und Weltkalender zurückzuführen sein.

Das Leben seiner Eltern sei sehr hart gewesen. Sie hatten acht Kinder. Mit acht Kindern in der kommunistischen Planwirtschaft in den 80er Jahren gab es nie genug zu essen. Die zugeteilte Essensration wurde daran bemessen, wie viele Leute in der kollektiven Landwirtschaft mitgearbeitet haben. Da er und seine Geschwister noch klein waren und seine Mutter sich um die Kinder kümmern musste, war nur ein arbeitender Mitarbeiter gemeldet und es gab nur entsprechend wenig Nahrung für die Familie. Die zugeteilte Nahrung hat immer nur für ein halbes Jahr gereicht. Seine Mutter hat dann bei Verwandten um Essen gebettelt. An Neujahr gab es Reis; das hat ihn als Kind glücklich gemacht, dass es so gutes Essen gab. Damals war er sieben oder acht Jahre alt, aber er kann sich noch daran erinnern.

Er ist der Meinung, dass Kinder ihre Eltern ehren müssen und ihren Eltern Gutes tun müssen. Er hat das nicht tun können. Seine Geschwister haben neue schöne Kleider für die Eltern gekauft, das Lieblingsessen der Eltern gekauft und sind mit den Eltern auf Reisen gegangen. Er konnte das nicht machen. Es scheint, dass bedauert er heute. Die Aufgabe der Alten, wenn sie 60 oder älter sind, ist das Beten. Arbeiten können sie dann nicht mehr, denn das Leben in Tibet ist hart.

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