Vom Lernen

Bericht 34 vom 04. Februar 2022, geschrieben von Michael.

Lernen spielt in China eine große Rolle, es ist wichtig in der persönlichen Entwicklung des Einzelnen, es ist wichtig als Aufgabe der Gesellschaft und es ist besonders wichtig für die Kinder.

Lernen, auf eine gute Schule zu gehen und anschließend auf einer renommierten Universität zu studieren ist der typische Aufstiegsweg, den Eltern für ihre Kinder vorsehen.

Eine gute Ausbildung verleiht Ansehen, verleiht „Gesicht“ – die Chinesen sagen dazu auf Englisch „give face“. Am besten kann man „Gesicht gewinnen“ vielleicht mit „Status gewinnen“ übersetzen. Gesicht, Status, zu wahren und zu gewinnen ist in China enorm wichtig. Viel wichtiger als bei uns. Noch wichtiger als Gesicht zu gewinnen ist es, das Gesicht nicht zu verlieren, aber das ist eine andere Geschichte. Gesicht kann man auf viele Arten gewinnen. Reichtum gibt Gesicht, deshalb wird Reichtum auch gerne gezeigt. Markenkleidung gibt Gesicht. Daher werden gerne und noch viel häufiger als bei uns Kleidungsstücke gekauft, auf denen der Markenname sehr prominent sichtbar ist. Eine Reise, von der man natürlich die richtigen Beweisfotos mitbringen muss, gibt auch sehr viel Gesicht. Ein teures Automobil ist natürlich – wie wohl überall auf der Welt – ein sehr geeignetes Statussymbol. Auto und Kleidung haben den Vorteil, dass man damit rausgeht, unterwegs ist und sichtbar ist. Das Streben nach Gesicht erklärt, warum Luxusmarken in China so wichtig sind.

Eine gute Ausbildung verleiht eben auch Gesicht. Dabei ist es besonders wichtig, dass man auf einer Universität war, die einen renommierten Namen trägt.

Neben dem Streben nach Status erklärt sich der Wunsch nach einer Universitätsausbildung für den Nachwuchs auch aus den Lohnunterschieden zwischen Menschen mit Universitätsabschluss und Menschen ohne Universitätsabschluss. Bei BFDA – und in anderen Unternehmen ist es vermutlich ähnlich – unterscheiden sich die Jahresgehälter zwischen Angestellten, sogenannten white collar Mitarbeitern und blue collar Mitarbeitern, im Durchschnitt ungefähr um den Faktor 3 bis 5. White collar Mitarbeiter (weiße Kragen) haben in der Regel eine Universitätsausbildung. Blue collar Mitarbeiter (blaue Kragen wie bei uns der Blaumann) in der Regel nicht.  Der Faktor 3 bis 5 in der Bezahlung berücksichtigt noch nicht die Bezahlung der Führungskräfte. Diese verdienen noch mal mehr und haben in der Regel natürlich auch einen Universitätsabschluss. Also ein Universitätsabschluss muss her, will man in einem traditionellen Unternehmen was werden.

Der staatliche chinesische Schulunterricht findet Montag bis Freitag statt und geht bis in den Nachmittag. Danach sind noch Hausaufgaben und Wiederholungen angesagt. Aber das reicht nicht, um eine gute Ausbildung zu erhalten. Damit der Bildungsweg in eine gute Universität führt, müssen chinesischen Kinder neben der offiziellen Schule zahlreiche Weiterbildungsangebote wahrnehmen. So macht die Tochter eines Kollegen, die ungefähr so alt ist wie Julia, neben der eigentlichen Schule folgende weitere Schulen: Sie geht zum zusätzlichen Englischunterricht, zum zusätzlichen Chinesischunterricht, zum zusätzlichen Mathematikunterricht, zum Malunterricht und zum Tanzen. Laut Aussage meines Kollegen macht sie das alles gerne und freiwillig, mit Ausnahme des Mathematikunterrichts. Diese zusätzlichen Bildungsangebote verschlingen natürlich sehr viel Zeit. Die Tochter von besagten Kollegen hat Freizeit nur samstags nachmittags und sonntags morgens; der Rest der Woche ist komplett durchgeplant. Die Eltern oder Großeltern müssen natürlich entsprechend unterstützen, da die Kinder zum jeweiligen Unterricht gebracht werden. Dieser zusätzliche Unterricht stellt zum Teil auch eine erhebliche Kostenbelastung für die Familie dar.

Ein anderer Kollege, dessen Tochter im dritten Schuljahr ist, hat das Bildungsangebot für seine Tochter soweit ausgebaut, dass sie sonntags von 10:00 bis 11:30 Freizeit hat. Das ist alles. Der Rest der Wochenzeit ist mit Lernen ausgefüllt. Dieser Kollege legt auch Wert darauf, dass die zusätzlichen Englischstunden für seine Tochter von einem Ausländer gegeben werden. Das hilft sicher bei der Aussprache. Die Gesamtkosten für den Zusatzunterricht seiner Tochter beziffert er auf rund 30.000 RMB im Jahr. Das ist etwas mehr als ein halbes Jahresgehalt (!) für einen Arbeiter bei BFDA; für meinen Kollegen ist es etwa 10% seines Gehalts. Es gibt noch sehr viel schlechter bezahlte Arbeiter, für die diese Summe ein volles Jahresgehalt darstellen dürfte. Ein Arbeiter kann sein Kind also in der Regel nicht am Bildungswettlauf mit Zusatzunterricht teilnehmen lassen.

Die hohen Kosten, die damit verbunden sind, seinem Kind eine hoffentlich gute Zukunft zu ermöglichen, sind übrigens eines der Argumente, warum viele Chinesen nur ein Kind wünschen.   

Der ganze Zusatzunterricht bringt aber nichts, wenn das Kind nicht auf die richtige Schule geht. Nun ist es so, dass es bessere und weniger gute Schulen gibt. Man kann sein Kind aber nicht einfach an einer Schule anmelden, die als besser gilt. Das Vorrecht haben die Schüler, die im Wohnbezirk wohnen, zu der die Schule gehört. Mit der Wahl des Stadtbezirkes, in dem man wohnt, beeinflusst man also die Bildungschancen des eigenen Nachwuchses.  Ein Kollege von mir, der ebenfalls Abteilungsleiter ist und dessen Frau und Tochter in einer anderen Stadt leben, hat mir erklärt (ich lasse das mal auf Englisch, da es nahe am O-Ton ist, Übersetzung unten):

“My biggest concern is the education of my daughter. I have two houses in my hometown: one I am living in and one near to the best school. The second one is empty, nobody uses it but it allows my daughter to go to the school in this district. When my daughter graduates, I will sell it. I just need it to make sure that my daughter can go to the best school in town. I have to pay about 300,000 yuan fee if I enroll my daughter to this school. Around the best school in town houses are three times more expensive than in other places of that town.”

Hier die deutsche Übersetzung:

„Meine größte Sorge ist die Ausbildung meiner Tochter. Ich habe zwei Häuser in meiner Heimatstadt: eines, in dem ich wohne, und eines in der Nähe der besten Schule. Das zweite steht leer, niemand nutzt es, aber es ermöglicht meiner Tochter, die Schule in diesem Bezirk zu besuchen. Wenn meine Tochter ihren Abschluss macht, werde ich es verkaufen. Ich brauche es nur um sicherzustellen, dass meine Tochter die beste Schule der Stadt besuchen kann. Ich muss etwa 300.000 Yuan (40.000 Euro) Aufnahmegebühr zahlen, wenn ich meine Tochter an dieser Schule anmelde. In der Nähe der besten Schule der Stadt sind die Häuser dreimal so teuer wie an anderen Orten der Stadt.“

Das Motiv, dass man eine „Wohnung“ erwirbt, nur um zu einem besseren Schulbezirk zu gehören, habe ich häufiger gehört. In Peking werden wohl 9-Quadratmeter-Wohnungen für hohe Summen gekauft, um auf die gewünschte Schule zu kommen.

Aber nicht nur der Schulbezirk innerhalb der Stadt ist es wert, bedacht und optimiert zu werden. Auch die Provinz, in der man – oder beziehungsweise das Schulkind (viele Kinder leben nicht unbedingt bei ihren Eltern – siehe unten) – lebt und zur Schule geht, will bedacht sein. Denn die Schulbildung führt zur Universitätsaufnahmeprüfung. Diese ist DAS Ziel schlechthin.  Das Ergebnis der Universitätsaufnahmeprüfung bestimmt, auf welche Universität man gehen und welche Fächer man studieren kann.

Die Prüfung (und die vorhergehende Schulbildung) unterscheiden sich von Provinz zu Provinz.  Also muss man in der Regel die Universitätsaufnahmeprüfung in der Provinz machen, in der man zur Schule gegangen ist. Allerdings bevorzugen die Universitäten die Schüler, die die Universitätsaufnahmeprüfung in der Provinz der Hochschule absolviert haben. Ergo legt die Provinz, in der man zur Schule gegangen ist, faktisch schon fest, wo man vermutlich studieren kann.   

Die Familie eines jungen Kollege von mir hat daher Folgendes gemacht: Seine Familie stammt aus einer weniger wichtigen Stadt in einer Provinz, in der die Bildungschancen (damals) als nicht so toll angesehen wurden. Seine ganze Familie lebt in der Stadt: Onkel, Tanten, Großeltern. Sein Vater hat dort eine Firma und ist daher nicht mobil. Trotzdem ist entschieden worden, dass mein Kollege als Kind mit seiner Schwester und seiner Mutter in eine andere Provinz umzieht, damit er und seine Schwester dort zur Schule gehen, die Universitätsaufnahmeprüfung ablegen und dort studieren können. Vielleicht hat es sich gelohnt: Er ist, aus meiner Sicht, ein sehr gut ausgebildeter Kollege.   

Eine andere Methode, um die Bildungschancen zu erhöhen ist, dass Schüler im Alter von etwa 14 Jahren die Familie verlassen, um in einer anderen Provinz zur Schule zu gehen. Idealerweise hat man dort Verwandte, die das Kind aufnehmen können. Sonst gibt es wohl auch Internatslösungen. Das kostet natürlich Geld.  Ein Argument, das ich auch schon bei der Bitte um Gehaltserhöhungen gehört habe. 

Solche oder ähnliche Geschichten hört man zuhauf, wenn es um die Optimierung der Bildungschancen geht.

Einer der besten Booster für die Bildungschancen der Kinder ist das „Beijing-Hukou“. Jeder Chinese ist in einer der Provinzen als Einwohner gemeldet – das nennt sich Hukou. Mit einem Beijing-Hukou (einer Meldebestätigung als Pekinger) erhält man sehr viel leichter einen Studienplatz an einer der renommierten Pekinger Universitäten. Allerdings ist ein Beijing-Hukou nicht so einfach zu bekommen. Wenn ein Chinese in Peking eine Arbeitsstelle hat, kann er nach Peking ziehen und dort wohnen. Das ist kein Problem. Offiziell gemeldet bleibt er aber in seiner Heimatprovinz. Man kann dann versuchen ein Beijing-Hukou zu erhalten. Was genau dazu erforderlich ist, ist mir bisher unklar geblieben. Aber es scheint schwierig: BFDA kann jedes Jahr wohl weniger als eine Handvoll seiner Mitarbeiter mit einem „Beijing-Hukou“ ausstatten. Diese Mitarbeiter und ihre Kinder sind dann offiziell Pekinger und den Kindern stehen dann die guten Unis (eher) offen.  

Ich hoffe, Euch und Euren Kindern steht die Welt offen!

Euer Michael

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