Momentaufnahme: Ein Sommermorgen

Bericht 43 vom 18. Juni 2022, geschrieben von Simone.

Samstag Morgen kurz vor 9. Ich sitze mit dem Laptop auf dem Schoß im Garten und genieße den Sommermorgen. Die Luft ist lau und kündet schon von der kommenden Hitze. Die Vögel zwitschern, Stimmen vor dem Tor, leise bewegen sich die Blätter im Windhauch.

Im Haus ist es still, die Kinder schlafen. Noch eine Woche, dann beginnen die Sommerferien. Die Noten sind alle gemacht, jetzt steht eine Woche Ausklang und Abschied bevor.

Abschied! Das ist ein großes Wort hier im Expat-Leben, und es hat einen harten, bitteren Kern. Die ersten Freunde sind schon wieder in Deutschland angekommen, zwei Familien, die wir sehr ins Herz geschlossen haben. Unser Glück ist, dass sie beide im Großraum Stuttgart wohnen, nur ein Hügel wird uns voneinander trennen, wenn wir wieder in Beutelsbach sind. Wir sehen uns schon gemeinsam auf unserem Stückle, im Garten der Freunde, in den Weinbergen mit einem Glas Wein in der Hand.

Heute Nacht sind die nächsten Flieger gestartet mit Freunden, und das schmerzt wieder. Eine von Julias engsten Freundinnen zieht mit ihrer Familie nach München; hier bleibt die Hoffnung auf weitere schöne Zeiten, wenn sie ihre Ferien bei ihrer Oma in der Nähe von Stuttgart verbringt.

Die anderen Freunde wird es deutlich weiter weg tragen, nach Den Haag, Italien, Indien … Wir haben sehr schöne Stunden miteinander verbracht und hätten so gerne noch mehr miteinander unternommen. Vorbei. Es tut weh.

Es tut weh, nicht zuletzt, weil wir in den letzten Monaten durch die Corona-Einschränkungen die Zeit nicht so miteinander verbringen konnten wie gewollt. Und in wenigen Tagen wird ein ganzer Flieger voll Kolleginnen und Freunden in Richtung Deutschland starten. Am Freitag ist unser letzter Schultag und in der Nacht noch starten sie alle. Auch wir hatten Plätze in eben diesem Flugzeug, schon vor Monaten haben wir sie gebucht. Nun haben wir sie endgültig zurückgegeben. Das Flugzeug fliegt ohne uns.

Wir werden neun Wochen Sommerferien hier in China verbringen.

Neun Wochen! Es wird eine lange Zeit werden.

Wir planen Urlaub, drei Wochen, aufgeteilt auf zwei Reisen. Am liebsten würden wir direkt am Anfang der Ferien in den Nordwesten Chinas reisen, einen Teil der alten Seidenstraße entlang, und dann nach Tibet. Sonnenaufgang am Mount Everest. Dann, einige Wochen später, nochmal eine Woche ins Herz Chinas und mit dem Schiff auf dem Yangtze entlang.

Du ahnst es, das entscheidende Wort hier ist „planen“. Keiner weiß, ob wir als Pekinger überhaupt werden reisen können. Unsere Arbeitgeber erlauben dies, anders als die meisten chinesischen Arbeitgeber! Die meisten Arbeitgeber in Peking erlauben es seit langem nicht, Peking zu verlassen. Aber auch unser Reiseziel muss uns akzeptieren. Und diese Entscheidung hängt ab von den Coronazahlen in Peking.

Vor einer Woche noch sah alles gut aus, die Infektionszahlen bewegten sich wieder gegen Null, eine Einschränkung nach der anderen wurde aufgehoben, der Alltag war greifbar nahe. Dann große Partys, Menschen, die tagelang von einer Kneipe zu anderen zogen, obwohl ihre Corona-App sie zur Heimquarantäne aufforderte. Sie schlüpften durch die Maschen der Vorsichtsmaßnahmen und steckten letztendlich hunderte mit Corona an, schickten damit tausende in Quarantäne und verdonnerten die ganze Stadt, 22 Millionen Menschen, zu weiteren Einschränkungen.

Uns nahmen sie die letzten zwei Wochen Schule, die wir nun online verbringen müssen statt wie angekündigt in der Schule. Und die Möglichkeit zu reisen.

Wir werden also darauf hoffen und warten, dass auch diese Infektionen wieder eingefangen werden, die Zahlen gegen 0 gehen, die Reiseziele wieder für uns öffnen. Und wir werden diese Möglichkeit ergreifen, sobald sie sich uns bietet.

Ehrlich gesagt habe ich ordentlichen Respekt vor 9 Wochen Sommerferien. Die Zeit will erst mal gefüllt sein, mit allen Einschränkungen, nicht zuletzt durch das Wetter: Von Juni bis September ist in Peking Regenzeit, es ist unerträglich heiß und schwül, überall Moskitos und immer wieder schüttet es aus allen Kübeln.

Wir werden das Beste daraus machen.

Nicht zuletzt werden wir uns auf die neuen Menschen freuen, die der Schuljahresbeginn uns bringen wird, und auf die Rückkehr unserer Freunde und Kolleginnen von ihrem Deutschland-Urlaub. Wir sind gespannt, was sie berichten werden.

Seid herzlich gegrüßt aus diesem kleinen Garten inmitten Pekings,
in dem weiterhin ein laues Lüftchen weht und die Vögel zwitschern.

Eure Simone

Ein Kommentar zu “Momentaufnahme: Ein Sommermorgen

  1. Hallo Simone,

    Ich drück Euch die Daumen für schöne und abwechslungsreiche Sommerferien!

    Wir erleben alle gerade frustrierende Zeiten: Die einen bauen Staudämme gegen Corona, für Wohlstand und Frieden. Und andere bohren wieder Löcher rein. Sei es, weil sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen, andere ausbeuten oder nach Macht streben.

    Freundschaft, wie Du sie beschreibst, kennen die wahrscheinlich nicht. So gesehen seid ihr sogar ein bisschen zu beneiden 😉.

    Alles Gute und liebe Grüße an alle, Andreas

    Mit freundlichen Grüßen Andreas Köngeter

    +49 163 9213705 +49 7183 932070

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