Sommerurlaub 2022

Teil 1: Kashgar in Xinjiang

Bericht 44 vom 24.7.2022, geschrieben von Michael.

Recht kurzfristig war klar, dass wir trotz verschiedener Corona-Einschränkungen in Urlaub gehen konnten. Eine gute Woche in Xinjiang und eine Woche in Sichuan/ auf dem Yangtze war unser Plan. Unsere Eindrücke und Fotos sind so vielfältig, dass ich mehrere Blogeinträge daraus mache. Hier ist der erste.

Xinjiang ist die Provinz im äußersten Nordwesten von China und grenzt (unter anderem) an Kirgistan, Afghanistan, Tadschikistan …. Dort ist nicht mehr der Ferne Osten, sondern eher Zentralasien. Der Flug von Peking nach Kashgar, was wiederum im Westen von Xinjiang liegt, dauert 4.5 Stunden. Xinjiang ist mehr als viermal so groß wie Deutschland und es ist das Gebiet, in dem die Volksgruppe der Uiguren lebt. Der offizielle chinesische Name der Provinz ist „Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang“. Was tatsächlich in Xinjiang alles passiert, kriegen wir als Touristen nicht mit, dazu empfehle ich diverse Artikel in den Medien (zum Beispiel im Spiegel und auf tagesschau.de) oder auf Wikipedia. Wir berichten über unseren Urlaub, der uns zu zahlreichen wirklich bemerkenswerten Plätzen und Erlebnissen geführt hat. Wie (bisher) immer in China war es auch landschaftlich wirklich beeindruckend.

Nach Kashgar fliegt man über Wüste und schneebedeckte Gipfel:

Ungefähr eine halbe Stunde vor der Landung in Kashgar mussten alle Sonnenblenden im Flugzeug herabgelassen werden, so dass man nicht mehr herausschauen konnte:

Der Passagier vor uns hat seine Klappe wieder geöffnet und ist sehr streng zur Ordnung gerufen worden. Überall auf der Welt werden für Start und Landung die Sonnenschutze geöffnet, damit bei einem möglichen Unfall sowohl Helfer als auch Passagiere des Flugzeuges sich mit einem Blick durch das Fenster orientieren können. Nur hier ist die Regel anders.

Die Einreise nach Kashgar am Flughafen kommt einem vor wie die Einreise in ein anderes Land, wie bei einem Grenzübertritt: mit Formular, Passkontrolle und natürlich Überprüfung der Corona App und der Travel App, die die Reisehistorie dokumentiert. Die Richtigkeit unsere Angaben mussten wir mit Fingerabdruck bestätigen. Einen Corona Test gab es natürlich auch. Leider haben wir das Testergebnis nie erhalten.

Die Taxis fahren mit offenem Kofferraum vom Flughafen weg und die Koffer schauen auch dann raus, wenn das Taxi nur ein oder zwei Koffer zu transportieren hat. Der Grund ist, dass die Taxis mit Gasantrieb fahren und im Kofferraum der Gastank praktisch den gesamten Platz aufbraucht.

In Kashgar angekommen, fällt auf, dass es hier sehr unterschiedlich aussehende Menschen gibt. Viele chinesisch aussehende Person wie in Peking, aber auch Personen, die für uns eher wie Türken aussehen oder wie beispielsweise Araber oder Perser. Die Männer in Kashgar haben in der Regel deutlicheren Bartwuchs als die Han-Chinesen in Peking. Auch auffällig ist, dass die Männer hier deutlich mehr Körpergeruch haben. Chinesische Männer zeichnen sich dadurch (positiv) aus, dass sie in der Regel kaum Schweißgeruch haben. Die Menschen in Xinjiang sprechen traditionell Uigurisch.

Direkt im Stadtzentrum von Kashgar gibt es Siedlungen, die aussehen wie ein Hutong in Peking, aber mit würfelförmigen arabischen Häusern mit Flachdach und Dachterrasse:

Die Häuser sind mit Lehm gestrichenen Wänden gebaut und in der eigentlichen Innenstadt sind viele Häuser mit orientalischen Ornamenten verziert. Die Teekultur ist auch eine andere, es gibt Teehäuser, wo die Leute auf Liegen ihren Tee trinken. Viele Männer tragen eine Kappe, die sie vermutlich als Moslem ausweist.

Sehr auffällig ist, dass in der Altstadt von Kashgar viele Kinder auf der Straße spielen. Hier gibt es noch richtige Straßenkinder, anders als wir das aus Peking kennen, wo das (häufig einzige) Kind als Prinz von morgens bis abends verplant ist und nicht auf der Straße spielt. Die Minderheiten dürfen mehr Kinder haben und haben dies auch. Wir haben Familie mit drei oder vier Kindern gesehen. Allerdings scheint die Geburtenrate der Uiguren seit einigen Jahren scharf abzunehmen.

Nebenbemerkung: Kashgar ist offenbar auch für Chinesen ein Reiseziel. Wir haben viele chinesische Touristen gesehen, davon auffällig viele, die offenbar Foto-Urlaub machen. Normalerweise wird in China alles mit dem Handy fotografiert, ich bin mit meiner kleinen Hosentaschenkamera ein Exot. Hier in Kashgar hingegen haben wir ganze Reisegruppen mit richtigen Fotoapparaten und Riesenobjektiven gesehen. Das ist verständlich, denn das Ambiente hier gibt viele farbenfrohe Fotos her. Die verzierten Häuser, aber auch die Menschen, die in orientalischen, zum Teil sehr bunten Kleidern herumlaufen. Es gibt natürlich auch Leute, die aus touristischen Gründen im Kostüm rumlaufen. Eine kurze Aufführung mit Kamelen und verschleierten Damen, die aussahen wie aus 1001 Nacht, haben wir in der Fußgängerzone gesehen:

Sehenswürdigkeiten von Kashgar

Bauwerke, die man als Sehenswürdigkeit einstufen würde, gibt es in Kashgar, so war mein Eindruck, nicht so viele. Die eigentliche Sehenswürdigkeit war (ist ?) die Altstadt: ein verschachteltes Ensemble von Lehmhäusern mit Flachdächern, zwischen denen sich enge Gassen durchschlängeln. Allerdings ist die Altstadt nicht (mehr) wirklich alt. Sie ist vor etwas mehr als 10 Jahren quasi komplett abgerissen worden. Der Startpunkt dieser Aktivität war ein Erdbeben in einem anderen Teil von China, bei dem die alten traditionellen Holz-und-Lehm-Häuser viele Tote gefordert haben. Deswegen hat man Sektion für Sektion die Altstadt von Kashgar abgerissen und neu aufgebaut. Man hat versucht die alte Optik wiederherzustellen. Die Häuser haben heute ein Betonskelett und Ziegelmauern. Diese sind mit Lehm verputzt, so dass es auf den ersten Blick alt und traditionell aussieht. Wenn man drauf hingewiesen wird, sieht man, dass es keine alten Häuser mehr sind, man kann zum Beispiel immer wieder das Betonskelett sehen.

Auch hat man beim Neubau der Altstadt die Gassen und Straßen verbreitert und die Zahl der Sackgassen reduziert. Unser Führer meint, dass etwa 85 % der Altstadt niedergerissen wurden. Es scheint wohl so gewesen zu sein, dass die Hausbesitzer ein Mitspracherecht hatten, so dass es vereinzelt auch noch alte traditionelle Häuser mit echten Lehmwänden und Holzdecken gibt. Traditionell gibt es in der Altstadt von Kashgar eine nette Methode, wie der nicht-ortskundige Hauptstraßen von Nebengassen unterscheiden kann: Hauptstraßen sind mit sechseckigen Steinen gepflastert, Nebenstraßen mit quaderförmigen Ziegeln belegt.

Die große Moschee von Kashgar, die in unserem Reiseführer als Sehenswürdigkeit geführt wird, ist eher schmucklos und qualifiziert sich auch nicht wirklich als sehenswert. Nicht sehr gepflegt und prächtig. Man kann davon ausgehen, dass für die Moschee wenig Geld da ist.

Eine echte Sehenswürdigkeit hingegen ist der Viehmarkt von Kashgar. Hier wird Vieh verkauft und gekauft. Kühe, Schafe, Pferde und Esel. Man sieht Bäuerlein, die auf ihrem motorisierten Dreirad ein einzelnes Schaf zum Markt bringen oder mit den gekauften Tieren wieder wegtuckern und Lkws, auf denen Tiere dicht gedrängt zum Markt gebracht werden.

Um den Viehmarkt herum finden sich Verkäufer, die Haushaltswaren, Kleider oder Zubehör für die Landwirtschaft verkaufen. Außerdem Metzger, die Tiere sofort zerlegen und Fleisch verkaufen.

Die Metzgerwerkzeuge wie Beile und Messer sind doppelt gesichert: Zum einen sind sie mit Stahlseilen festgekettet, zum anderen hat jedes Werkzeug eine eingeschlagene Nummer, die registriert ist. Beile und Metzgermesser können so ihrem Besitzer zugeordnet werden, wenn sie irgendwo anders als am vorgesehenen Platz verwendet werden.

Natürlich gibt es (wie immer in China) auch zahlreiche Essensmöglichkeiten.

Das traditionelle Haus in Kashgar hat ein Flachdach. In der Nähe des Viehmarktes sind wir durch ein Viertel gefahren, in dem die Lehmhäuser ein Satteldach haben. Unser Guide nennt das „Russian style roof“. Er hat uns erläutert, dass das nicht das typische Dach der Region sei, dass dieses Dach hier aber von den Behörden gefordert werde.

In der Nähe des Viehmarktes haben wir ein Mausoleum eines muslimischen Herrschers besichtigt, der im 17. Jahrhundert die Gegend um Kashgar beherrscht hat. Das Mausoleum ist wirklich hübsch und sehr sehenswert.

Um das Mausoleum herum ist allerdings eine Art Fake-Sehenswürdigkeit aufgebaut worden. Es wird in einem neuerrichteten Gebäudekomplex, der die Architektur und Einrichtung des 17. Jahrhunderts wiedergeben soll, eine Geschichte von einer uigurischen Adelsfrau erzählt, der sogenannten fragant concubine, auf Deutsch: wohlriechende Konkubine. Diese soll als Konkubine aus Kashgar an den Pekinger Kaiserhof gekommen sein und dort nach anfänglichem Heimweh glücklich geworden sein. Nach ihrem Tod soll sie in dem Mausoleum begraben sein. Es gibt aber wohl verschiedene Versionen der Geschichte. In Wikipedia findet man auch die Version, dass sie gegen ihren Willen nach Peking gebracht wurde und dort mit Messern in den Ärmeln die Annährungsversuche des Kaisers abgewehrt hat, bis sie vergiftet wurde. Wissenschaftlich gesichert scheint aber zu sein, dass sie nicht in dem Mausoleum begraben ist. Man kann spekulieren, warum um das (sehr sehenswerte) Mausoleum noch diese künstliche Geschichte gebaut wird. Wir haben es nicht ganz verstanden.

Ich hoffe, dass ihr immer den Durchblick habt!

Liebe Grüße

Eurer Michael

3 Kommentare zu „Sommerurlaub 2022

  1. Mit großem Interesse habe ich den Bericht über Kashgar gelesen. Das alte Kashgar, wie ich es 1992 und auch 2007 noch erlebt habe, gibt es nicht mehr. Es ist traurig, aber den Fortschritt kann man nicht aufhalten. Alles Gute – Ulrike

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