Nachtzug nach Turpan

Bericht 46 aus China vom 4. August 2022, geschrieben von Michael.

Wir sind mit dem Nachtzug von Kashgar nach Turpan gefahren, beides ist in der Provinz Xinjiang. Die Strecke ist 1200 km lang (zur Erinnerung: Xinjiang ist rund 4.5-mal so groß wie Deutschland!) und der Nachtzug fährt über dreizehn Stunden. Schon ein paar Tage vorher haben wir die Tickets gekauft. Das war auch gut so. Das Ticket zu kaufen war schon ein kleines Abenteuer. Das erste Reisebüro, zu dem uns unser Führer gebracht hat, gab es gar nicht mehr. Corona hat es vermutlich sterben lassen. Das nächste „Reisebüro“, das wir aufgesucht haben, hatte sich in einem stillgelegten Treppenhaus eingerichtet. Die Treppe war oben zugemauert. Auf dem unteren Treppenabsatz war ein Schreibtisch aufgebaut, an dem zwei Mitarbeiter und zwei Computer Platz fanden. Mehr nicht, das war das Reisebüro; nur eine Sicherheitskamera, die durfte natürlich nicht fehlen…

In diesem Reisebüro haben zum Schluss drei Leute versucht, dem Computersystem eine Online-Buchung in einem Zug für uns abzuringen. Es hat mehr als eine Stunde lang nicht funktioniert. Ein Anruf beim Bahnhof ergab dann, dass dieses Reisebüro nicht mehr berechtigt ist, Schlafwagentickets an Ausländer zu verkaufen. Wir müssten also zum Bahnhof gehen. Also sind wir zum Bahnhof gefahren. Um den Bahnhof zu betreten, muss man als Ausländer zuerst zu einem Fenster an der Außenfassade gehen, das zu einer Polizeistation gehört, und sich dort einen kleinen „Bahnhof-Betretungserlaubnis-Zettel“ holen. Mit diesem Zettel kann man dann die Sicherheitsschleusen passieren, um in den Bahnhof zu kommen. Dort mussten wir ein bisschen Schlange stehen, aber schlussendlich haben wir unsere Zugtickets erhalten. Leider waren „Soft sleeper“-Tickets ausverkauft, so dass wir „Hard sleeper“ kaufen mussten. Hard Sleeper ist das, was der Name suggeriert: eher überschaubarer Komfort. Beim Ticketkauf waren wir ein bisschen enttäuscht, dass es nicht mehr möglich war, fünf Tickets in einem Abteil zu haben. Als wir dann drei Tage später im Zug standen, haben wir unsere Vorstellung von Abteil etwas korrigiert:

Der ganze Waggon ist ein mehr oder weniger offener Raum. An Zwischenwänden, die quer im Waggon stehen, sind auf beiden Seiten der Wand je drei Betten übereinander angeordnet. Ein Leiterchen an der Stirnseite der Zwischenwand dient dazu die oberen Betten zu erreichen. Insgesamt ergeben sich so 66 Schlafplätze in einem Waggon. Unser Zug war vollbelegt. Es gibt keine Vorhänge oder ähnliches um Privatsphäre herzustellen. Jeder Schlafplatz hat ein Kopfkissen und eine Decke. Die Bettwäsche war erfreulich sauber. Auf den unteren Betten kann man ganz gut sitzen (leider hatten wir kein unteres Bett). In der Mitte und oben kann man nur liegen. Auf dem Gang gibt es noch Klappsitze; allerdings nicht genügend für alle Reisenden mit mittleren und oberen Betten. Wir hatten das Glück, dass die meisten Reisenden nicht allein unterwegs waren und sich auf ihren unteren Betten eingerichtet hatten. Dadurch hatten wir recht viel Platz und Klappsitze auf dem Gang:

Der Zug fuhr gegen 18:30 los. Alle Reisenden (wir auch) hatten reichlich zu essen mit. In China gibt es praktischerweise überall kostenlos kochend heißes Wasser. Passend dazu gibt es überall Fertigsuppen zu kaufen, so dass man sich als Reisender oder in Notsituationen oder während der Nachtschicht auf der Arbeit … immer eine heiße Mahlzeit bereiten kann. Natürlich gibt es auch im Zug heißes Wasser. Am Ende jedes Waggons ist ein Heiß-Wasserspender. Am Abend im Zug ergibt sich ein geschäftiges Treiben: Alle haben sich ihr Abendessen bereitet. Die Leute in den „Nachbarbetten“ haben uns was von ihren Essenssachen abgegeben: Joghurt in Tüten und Trockenfleisch (sehr gut im Übrigen) und wir haben uns mit Früchten revanchiert. So gegen elf kommt der Schaffner herum, schließt die Jalousien und löscht das Licht im Waggon. Ich hatte ein bisschen Respekt vor der Nacht auf dem Hard Sleeper und davor, dass die Schlafstatt nicht nur hart, sondern auch ziemlich schmal ist. Aber es hat eigentlich sehr gut funktioniert.

Der Zug fährt im Wesentlichen durch Wüstenlandschaft. Gegen Abend sind wir durch einen Sandsturm gefahren. Man kann den Versuch erkennen, durch Anpflanzungen und kleine Zäune den Bahndamm frei von Sand zu halten. Am nächsten Morgen war das Wetter wieder klar und sonnig.

Ankunft in Turpan

In Turpan eingetroffen, war der Aufwand aus dem Bahnhof heraus zu kommen und die Stadt Turpan zu betreten, noch größer als der bei der Ankunft mit dem Flugzeug in Kashgar. Wir sind wieder kontrolliert worden, als hätten wir ein anderes Land betreten. Wir haben mindestens eine halbe Stunde gebraucht, ein Polizist hat alle möglichen Daten aufgenommen, bevor er uns durchgelassen hat.

Überhaupt sind die Sicherheitsvorkehrungen in Xinjiang sehr ausgeprägt. Von den angeketteten und registrierten Metzgermessern und Beilen haben wir ja schon berichtet. Tankstellen sind komplett mit übermannshohen Zäunen und Mauern umgeben und haben einen Wachmann an der einzigen Zufahrt. Der Fahrer, der tanken geht, muss seine ID Karte einscannen oder sich über Gesichtserkennung registrieren. Auch zum Beispiel Betonwerke oder andere größere Einrichtungen sind mit hohen Stacheldraht bewehrten Zäunen umgeben. Ganz besonders befestigt sind zum Teil die Polizeistationen. An größeren Kreuzungen und auch vor Hotels stehen Polizisten mit Maschinengewehr. Zum Teil haben sie Fahrzeuge mit vergitterten Fenstern oder sogar gepanzerte Fahrzeuge. Der Zugang zum Bahnhof erfordert eine Sicherheitsuntersuchung wie am Flughafen (mit Gepäckdurchleuchtung etc.). Wir haben auch an einer Stelle eine Pause gemacht, an der unser Fahrer (zum Thema Fahrer und Führer kommen wir unten noch mal) uns aufgetragen hat uns nicht zu weit vom Auto zu entfernen. Das sei gefährlich und er sei dafür verantwortlich, dass wir uns daran halten.

Turpan ist eine grüne Oase in einem ansonsten unwirtlichen Umfeld. Es ist die heißeste, am tiefsten liegende und süßte Stadt in China – süß wegen der Rosinen und Melonen. Etwa 80 % der Landwirtschaft hier um Turpan herum beschäftigt sich mit der Traubenproduktion. Diese Trauben dienen als Tafeltrauben und der Rosinenproduktion. Die besten Trauben werden als Tafeltrauben verkauft und zwar per Versandhandel nach ganz China. Was übrig ist, wird Rosine. Es gibt hier keine Weinherstellung. In gewisser Weise verständlich, da die Bevölkerung muslimisch ist. Anders als in älteren Reiseberichten geschrieben und fotografisch abgebildet haben wir allerdings keine Frauen mit Kopftuch (oder gar verschleierte Frauen) gesehen. In Turpan sind über 80 % der Bevölkerung Uiguren.

Die Rosinenproduktion ist interessant. Es gibt Trauben, die in der Sonne getrocknet werden, dabei entstehen sogenannte schwarze Rosinen. Werden die Rosinen in einem Trockenhaus getrocknet ohne direkte Sonnenlichteinstrahlung, so gibt es grüne Rosinen. Die grünen Rosinen gelten als hochwertiger. Diese Trockenhäuser für die grünen Rosinen stehen in unglaublich großer Zahl überall an den Dorfrändern, dort, wo der fruchtbare Boden endet. Ich hatte den Eindruck, dass die Trockenhaus-Bereiche zum Teil größer sind als die Dörfer selber. Die Trockenhäuser bestehen aus durchbrochenen Wänden, so dass der Wind durchzieht, und einem Flachdach. Die Trauben werden an Holz- oder Drahtgestellen befestigt, die wiederum an der Decke aufgehängt werden.

Aufgrund der guten Bedingungen ist der Traubenertrag beachtlich. In China wird traditionell in der Flächeneinheit Mu gerechnet: 1 Mu entspricht einer Fläche von 667qm. Unser Fahrer hat uns ungefähre Angaben gemacht: 1 Mu gibt 1 Tonne Rosinen. Für diese Tonne Rosinen werden 5 Tonnen Trauben geerntet.

Bei Turpan liegt die Ruinenstadt Jiaohe, die zum Weltkulturerbe gehört. Eine Stadt auf einer 30m hohen Klippe zwischen zwei Flüssen gebaut. Die Stadt wurde zum Teil in die Erde gegraben und aus Lehm gebaut. Leider ist der Werkstoff Lehm sehr vergänglich, aber, wenn man bedenkt, dass die Stadt schon im 13 Jahrhundert aufgegeben wurde, ist es eigentlich erstaunlich, wie viel man noch von der Stadt erkennen kann. Offenbar haben nachfolgende Generationen den Platz auf der Klippe nicht interessant gefunden, so dass sich die Ruinen gehalten haben.

30 km außerhalb von Turpan gibt es noch eine zweite Lehm-Ruinenstadt, Gaochang. Einige wenige Gebäudereste ragen noch erstaunlich hoch auf, aber in Summe steht fast nichts mehr. Beeindruckend allerdings ist die schiere Größe der Stadtfläche, die mit einer sehr hohen Lehmstadtmauer umgeben war:

Die Lehmruinen waren in der Mittagssonne schon anstrengend, vielleicht auch deshalb waren ziemlich wenig Besucher sowohl in Jiaohe als auch in Gaochang – gut für uns. Andere mehr wie Freizeitparks gestaltete Touristen-Attraktionen scheinen beliebter zu sein. Wir haben auch gelernt, dass in der Nähe von Turpan die tiefste Stelle Chinas und die zweittiefste Stelle der Welt liegt mit einer Oberfläche, die circa 150 m unter Normal Null liegt. Die Fahrt dahin ist aber beschwerlich, da die Straße schlecht ist. Daher gibt es eine zweite Stelle, die als tiefste Stelle Chinas beworben wird. Dort führt eine gute Straße hin. Leider ist es nicht wirklich die tiefste Stelle Chinas, es ist Fake. Aber gut für den Tourismus.

Interessant ist, dass in der Ebene um Turpan Öl gefördert wird. Überall sieht man Ölpumpen:

Der wahre Reichtum Turpans ist aber wohl das Wasser inmitten der Wüste. Seit Jahrhunderten schon wird aktiv Wasser in die Ebene bei Turpan transportiert. Die Uiguren haben seit Jahrhunderten das sogenannte Kariz-System angelegt. Dies sind unterirdische Tunnel, die an den umliegenden Berghängen das Sickerwasser aus den Gletschern und Berghängen einsammeln und bergab in die Ebene um Turpan transportieren. Um Turpan herum gibt es 5000 km Tunnelsystem. Um die Tunnel graben und warten zu können, sind in regelmäßigen Abständen senkrechte Schächte gegraben, die zu dem Tunnel hinab führen. Das Kariz-System und das Wasser, das so in die Ebene gelangt, wird heute noch in der Ebene um Turpan benutzt. Man sieht immer mal wieder, wo ein Tunnel an die Oberfläche kommt.

Wenn wir schon in der Wüste sind, hatten wir irgendwie das Gefühl auch mal richtige Sanddünen sehen zu müssen. Auch das geht: Eine gute Autostunde von Turpan entfernt beginnt richtige goldgelbe Sandwüste mit wunderschönen Dünen. Wenn man in die richtige Richtung schaut, kann man tolle Fotos machen, die den Anschein erwecken, als wären wir 1000 km von jeder Zivilisation entfernt in der tiefsten Wüste. In Wirklichkeit haben wir im Rücken eine Ausflugsplattform mit Restaurant, Ausflugsbähnchen, Kamelreiten und Jeep-Touren in die Sandwüste. Wir haben uns entschieden mit eigener Kraft die Wüste zu erleben und zu Fuß in der Hitze eine der Dünen zu besteigen. War schon anstrengend. Toll war das anschließende Herunterlaufen durch den weichen Sand.

Ich wünsche Euch wenig Sand im Getriebe

und beim Bergablaufen immer weichen Boden unter den Füßen!

Euer Michael

 

Ein Kommentar zu “Nachtzug nach Turpan

  1. Interessant. Als ich das erste Mal in Kashgar und Turfan war, gab es noch keine durchgängige Eisenbahnstrecke. Ich habe mit dem Bus fast drei Tage gebraucht. Es ist imme wieder spannend, Eure Eindrücke zu lesen, 30 Jahre danach. LG Ulrike

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