Das Ende von „Zero Covid“

Bericht 55 aus China vom 11. Dezember 2022. Geschrieben von Michael.

Der letzte Bericht war ja sehr – sagen wir – harmlos. Überhaupt sind politische Berichte nicht das Ziel dieses Blogs. Auch – wie schon öfter erwähnt – kann ich nicht so viel über die Arbeit erzählen. Ganz abgesehen davon, dass es einige Leser vermutlich auch nicht so sehr interessiert. Ich hatte mir ebenfalls vorgenommen, nicht zu viel über Corona und die Corona-Maßnahmen zu berichten. Die wurden zwar immer mal wieder strenger und weniger streng gehandhabt und leicht angepasst, aber im Grunde war es immer das gleiche. Da wollte ich Euch, unsere lieben Leser, nicht zu sehr mit langweilen.

Aber jetzt gibt es allen Grund, Corona wieder zum Thema zu machen. Das Corona-Regime in China scheint sich gerade grundlegend zu ändern.

Nochmal zur Erinnerung: Seit drei Jahren betreibt China die sogenannte Zero-Covid-Politik. Es war politisches Ziel, alle Infektionsketten sofort zu erkennen und zu unterbrechen. Wer keine Lust auf Coronamaßnahmen hat, der kann den Text jetzt überspringen und liest erst nach der Zeile mit den vielen xxxxxxx weiter.

So war es bisher: Wenn Covid-Infizierte gefunden wurde, wurden Wohnblocks, Stadtviertel oder ganze Städte in den Lockdown geschickt. Lockdown konnte bedeuten, dass man die eigene Wohnung nicht mal verlassen durfte, um einen Arzt aufzusuchen oder Essen einzukaufen. Wir haben von Leuten gehört, die richtig Hunger gehabt haben. Infizierte wurden in extra dafür errichtete Krankenhäuser mit Isolationszellen gesteckt. Die Krankenhäuser sind in Containerbauweise erstellt. Eine Zelle ist ein Container, der etwa der Größe eines überbreiten 20-Fuss-Containers entspricht. Geschätztes Innenmaß knapp 5.5m mal 2.7m.

Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten (primary contacts), wurden in Zentralquarantäne gesteckt. Diese Zentral-Quarantäne-Unterbringungen waren wohl zum Teil (wir haben es nie mit eigenen Augen gesehen, sondern nur auf Fotos) Turnhallen, in denen hunderte Menschen untergebracht waren. Kein Ort, wo man freiwillig hingeht. Unter Ausländern kursierten Anleitungen und Packlisten, wie man am besten die Zeit einer zentralisierten Quarantäne übersteht:

Kontakte von Kontakten mussten zu Hause Quarantäne machen. Um sicherzustellen, dass man das Haus nicht verlässt, wurde ein Sensor an der Haustür angebracht. Meldet der Sensor, dass die Tür geöffnet wird, so geht in irgendeiner Wachstation ein Alarm an. Neben der Haustür hängt ein Plakat, das die Nachbarn darüber informiert, dass in diesem Haus Bewohner in Heimquarantäne sind:

Eine strikte Kontaktverfolgung stellte sicher, dass man die Primär- und Sekundär-Kontakte auch identifizieren konnte. Kontaktverfolgung bestand darin, dass die Behörde mit Hilfe des Handys aufzeichnet, wo der Handybesitzer gewesen ist. Zur doppelten Sicherheit und um sicherzustellen, dass man das Handy immer „am Mann“ trägt, war es in praktisch allen öffentlichen Einrichtungen von Bürogebäuden über Geschäfte bis zur U-Bahn erforderlich, mit seiner Handy-App (dem sogenannten Health Kit) einen Code einzuscannen. Außerdem musste man sein Health-Kit auf dem Handy überall vorzeigen. Das Health Kit zeigt an, dass man regelmäßig beim Testen war, geimpft ist und sich weder an infektiösen Orten aufgehalten hat noch seine Wege gekreuzt hat mit Infizierten oder Kontaktpersonen:

Pakete und Briefe aus dem Ausland wurden phasenweise auch in Quarantäne genommen und desinfiziert. Die Pakete haben dann wochenlang in einem Lagerhaus auf die weitere Zustellung gewartet und sind noch mit Desinfektionsmittel bearbeitet worden. Das Desinfizieren von Post hat nicht bei jeder Verpackung gutgetan. Wir haben, so weit wir wissen, Glück gehabt. Nur ein Paket hat es nicht geschafft.

Das Health Kit ist in jeder Provinz ein anderes, wodurch das Reisen zusätzlich erschwert wurde. Reisen und überhaupt alle möglichen Aktivitäten zu unterbinden, war überhaupt ein wichtiger Baustein der Zero-Covid Politik. Schulen, Restaurants, alle kulturellen Einrichtungen und sogar Parks wurden geschlossen. Manchmal war es ein bisschen schwierig unter diesen Bedingungen die Freizeit zu gestalten. Natürlich wurden auch immer wieder die Firmen geschlossen und wir mussten im Homeoffice arbeiten:

Weiterer Baustein der Zero-Covid-Politik war das regelmäßige Testen: Phasenweise mussten wir jeden Tag zum Coronatest. Das sorgt dafür, dass man alle Coronafälle schnell identifizieren und isolieren konnte. Wir hatten meistens Glück, dass die Teststationen in unserem Umfeld nicht zu sehr frequentiert wurden. Bekannte, die in anderen Bereichen der Stadt wohnen, haben aber teilweise jeden Tag eine Stunde Schlange stehen müssen und den Coronatest in ihrem Tagesablauf fest einplanen müssen.

Dieses Foto zeigt eine Schlange beim Coronatest vor dem BFDA Hauptgebäude. Die Warteschlange mäandert über den Hof. Hier wurde beim Schlange-Stehen zumindest Abstand gehalten. Das war nicht überall so, so dass es phasenweise, als man nirgendwo hingehen konnte außer zum Coronatest – das Bonmot gab: „Das größte Risiko, sich mit Covid19 zu infizieren, ist beim Coronatest.“

Die Körpertemperatur wurde auch allerorten gemessen. In Gebäuden herrschte Maskenpflicht. Es gab eine Phase, da mussten wir mehrfach täglich unser Büro desinfizieren. In einer Liste mussten wir bestätigen, die Desinfektion auch vorgenommen zu haben. Das Desinfektionsmittel hat ziemlich beißend gerochen. Der Mann, der uns das Desinfektionsmittel gebracht hat, hat vorgeschlagen, dass wir nach dem Desinfizieren das Büro erst mal verlassen. Zum Teil wurde dort, wo Leute Schlange standen, auch einfach der Bürgersteig desinfiziert.

Die verschiedenen Maßnahmen und die Konsequenz, mit der die Maßnahmen verfolgt wurden, hat sich im Laufe der Zeit immer mal wieder verändert. Es gab eine Korrelation: viele Infektionsfälle, härtere Maßnahmen. Und es gab permanente Veränderungen. Maßnahmen wurden angepasst, verschärft und wieder fallen gelassen. Es gab sicher noch mehr Vorschriften und Regeln, die mir gar nicht mehr alle einfallen und die wahrscheinlich den Text auch viel zu langatmig machen. Selbst der beste Berichterstatter kann Corona-Maßnahmen nicht wirklich spannend schildern. Und leider bin ich nicht der beste Berichterstatter :-).

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Und jetzt scheint plötzlich alles anders.

In einer affenartigen Geschwindigkeit verändert sich gerade die gesamte Covid-Politik. Zero Covid ist vergessen. Die Teststationen wurden abgebaut, das Einscannen von QR-Codes und das Vorzeigen des Health Kits wird wohl an immer weniger Eingängen gefordert. Die Nachverfolgung von Infektionen scheint aufgegeben worden zu sein. Die offiziell gemeldeten Coronafälle in Peking sind in den vergangenen Wochen angestiegen, ohne dass (wie in der Vergangenheit) zusätzliche Maßnahmen ergriffen wurden. Jetzt, heute, 10.12.2022, während ich diesen Satz schreibe, fällt die Zahl der offiziell gemeldeten Covidfälle wieder. Aber das ist aus meiner Sicht darauf zurückzuführen, dass die Testabdeckung der Bevölkerung derzeit stärker abnimmt als die Zahl der Infizierten zunimmt.

Wie ist es dazu gekommen? Wie immer in China gibt es keine öffentliche Diskussion der politischen Entscheidungen, so dass man am Ende nicht weiß, welche Faktoren die radikale Covid-Öffnung verursacht haben. Es scheint, dass mehrere Dinge zusammengespielt haben. Hier sind einige:

In den letzten Wochen gab es wohl landesweit Proteste gegen die Coronamaßnahmen in China. Ein Auslöser, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war wohl ein Brandunglück in der Uiguren-Provinz Xinjiang. Dort gab es seit geraumer Zeit an vielen Orten strenge Corona-Maßnahmen und abgeriegelte Städte, Viertel und Wohnblocks. In einem abgesperrten Haus ist es zu einem Hausbrand mit mehreren (die Rede ist von mindestens 10) Toten gekommen. Angeblich hat der Brand auch deswegen so viele Todesopfer gefordert, weil die Hilfskräfte aufgrund der Corona-Absperrungen nicht schnell genug helfen konnten.
Die landesweiten Proteste, die sich (auch) daraufhin gebildet haben, waren wohl die größten seit 1989. Um das richtig einzuordnen: Nach allem, was wir wissen – und was ja auch in der deutschen Tagesschau berichtet wurde-  waren die einzelnen Protestaktivitäten ein paar hundert bis vielleicht tausend Personen stark. Also weit entfernt von richtigen Massenprotesten. Es scheint allerdings überall im Land zu solchen Protesten gekommen zu sein. Und es scheint auch, dass viele Chinesen die Proteste mit Wohlwollen gesehen haben. Auch hier gilt wieder: Nichts Genaues weiß man nicht, weder die chinesische Bevölkerung und noch viel weniger wir Ausländer.
Zum Zeichen der Proteste wurde es, ein leeres weißes Blatt Papier hochzuhalten oder Kerzen für die Opfer in Xinjiang zu entzünden. Die Proteste sind wohl schnell wieder zum Erliegen gekommen. Hier in Peking hat man an den Orten, wo es die Proteste gab, in den Tagen danach sehr viel und sehr auffällige (!) Polizeipräsenz gesehen. Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht waren zu Hauf an den relevanten Straßenecken abgestellt. Die Menschen, die an den Protesten beteiligt waren, sind wohl – so entnehmen wir den Medien – anschließend „ermahnt“ worden. Wie gesagt, die Proteste sind schnell wieder abgeebbt, aber es könnte sein, dass diese Proteste Eindruck gemacht haben.

Ein zweiter Faktor, der zum Umdenken in der Zero-Covid-Strategie beigetragen hat, sind wohl die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Die ständigen Lockdowns, Schließungen und Reisebeschränkungen haben der chinesischen Wirtschaft stark geschadet. Das entnehmen wir den Medien und es lässt sich auch am eigenen Leib erfahren. Viele der Waren, die wir in den letzten Wochen online bestellt haben, sind nicht zugestellt worden. Der innerchinesische Versand von Päckchen nach Peking (und in vielen anderen Städten im Land) war praktisch gestoppt. Auch in der Firma verzögern sich viele Arbeiten, da entweder unser Mitarbeiter, der erforderliche Mitarbeiter eines Lieferanten oder das erforderlich Bauteil nicht verfügbar sind. Manchmal auch alles drei gleichzeitig. Der Lkw-Markt in China ist im Übrigen auch eingebrochen. Keiner kauft mehr neue Lkws.

Drittens gab es vor einigen Wochen Berichte, dass die Kosten für die ganzen Coronamaßnahmen für einige Kommunen nicht mehr bezahlbar waren. Das können wir natürlich nicht wirklich bewerten, aber dass die Kosten erheblich sein müssen, steht außer Frage. Und verbunden mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten aus Punkt 2 könnten diese Kosten das Umdenken zumindest unterstützt haben.

Fakt ist, dass die verschiedenen Corona-Maßnahmen in den letzten Tagen in Windeseile aufgehoben wurden. Die Reihenfolge, in der dies geschah, hat uns teilweise etwas erstaunt. Dies ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass die Entscheidungsträger sich nicht einig sind. Klar scheint allerdings, dass man zu irgendeiner Form der Normalität zurückkehren will. Nachdem es um das Thema Impfen ruhig geworden war, habe ich jetzt auch wieder Plakate gesehen, in denen Werbung für die Impfung bei über 60-jährigen gemacht wurde. Ganz offensichtlich will man die Bevölkerung auf das kommende Infektionsgeschehen vorbereiten. Und das kann einem schon ein bisschen Sorge machen. Ich glaube, man muss davon ausgehen, dass eine ziemlich heftige Infektionswelle durch das Land ziehen wird. Die Menschen hier kommen sich vielfach sehr nahe: Die Wohnsituation ist meist sehr beengt, die Großraumbüros sind dicht belegt und auch der natürliche Abstand, den man zu anderen Menschen hält, ist in China (zumindest war es bisher so) eher gering.

Die chinesischen Kollegen, mit denen ich über die Veränderungen gesprochen habe, machen sich Sorgen. Die Krankheit ist drei Jahre lang als sehr schwerwiegend geschildert worden und hat alle die beschriebenen Einschränkungen gerechtfertigt. Jetzt einfach so „aufmachen“ kommt doch überraschend. Die Öffnung wird begrüßt, aber gleichzeitig macht sich Sorge breit. Menschen, die bislang die Maskenpflicht eher großzügig gehandhabt haben, tragen jetzt freiwillig und konsequent Maske. Menschen bleiben in ihrer Freizeit lieber zu Hause aus Angst vor der Infektion. Die Behörden hingegen wollen ganz offenbar die Angst der Bevölkerung abbauen. Nachdem Covid-19 drei Jahre lang als extrem gefährliche Krankheit galt, erläutern die offiziellen chinesischen Stellen seit ein paar Tagen der Bevölkerung, dass Covid-19 / Omikron nicht mehr schlimmer sei als eine Grippe.

Zero-Covid ist Geschichte. Jedenfalls scheint es so. Wobei, man weiß nie. Ich halte es auch für denkbar, dass es nochmal einen Rücksprung geben wird, nämlich dann, wenn das Infektionsgeschehen das ganze Land überfordern wird… Wie gesagt, was genau kommen wird, ist ziemlich unklar. Wir werden sehen und Euch – wenn interessant – auf dem Laufenden halten. Drückt uns und den Chinesen die Daumen, dass das Land diesen Umbruch gut verkraftet.

Zum Schluss noch ein Corona-Schulungsfilm, den wir – noch zu Seiten der Zero-Covid-Politik – im Foyer eines Museums gesehen haben. Ein bisschen zum Schmunzeln. Ich finde, der Virus kommt ein bisschen zu sympathisch und knuddelig daher:

https://wordpress.com/post/hilgersinchina.blog/2732

Ich hoffe, Euch kann der Virus nichts anhaben und wünsche Euch und uns allen eine Zero-Problem-Politik.

Alles Gute

Euer Michael

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