Alltag

Bericht 31 (!) aus China vom 31. Oktober 2021. Geschrieben von Michael.

Wir haben jetzt schon länger nicht mehr aus China berichten. Das liegt vielleicht daran, dass der Alltag uns erfasst hat. Alltag.

Ein paar Bemerkungen zu Covid-19 im Alltag. Die chinesischen Regularien, um der Pandemie Herr zu bleiben, sind die nach wie vor aktiv: Seit ein paar Tagen gibt es wieder einige Fälle in Peking. Ich denke derzeit in Summe über die letzten zwei Wochen in ganz Peking (20 Millionen Menschen) vielleicht 30 Ansteckungen, die wohl alle auf die gleiche Reisegruppe zurückzuführen sind. Verglichen mit 21.000 Neuinfektionen am Tag in Deutschland ziemlich wenig. Auf der chinesischen Skala gilt Peking nun als „Medium Risk Area“ – ein Gebiet mit mittlerer Ansteckungsgefahr. Um eine Ausbreitung des Infektionsgeschehens zu verhindern, werden die Maßnahmen, die in letzter Zeit etwas eingeschlafen waren, wieder ernster genommen: Man muss Maske tragen und an vielen Stellen auf seinem Handy einen grünen Status in seinem Health Kit (das ist die App) vorweisen. Wie konsequent Infektionsketten verfolgt werden, zeigt folgendes: Es wurde festgestellt, dass in zwei Schnellzügen, die auf dem Weg nach Peking waren, jeweils eine Person war, die als enger Kontakt zu einem Infizierten klassifiziert wurde. Die Züge sind angehalten worden und alle 344 Passagiere werden mindestens eine Woche in einem zentralisierten Quarantänehotel einquartiert.

Aber auch im Kleinen merkt man gerade, dass die Besorgnis durch die (wenigen) neuen Fälle und vielleicht auch wegen des herannahenden Winters steigt: Heute morgen bin ich versehentlich ohne Maske in die Bäckerei gelaufen (was in den letzten Monaten keinen gestört hätte) und bin fortgeschickt worden.

Nicht nur Corona ist eine Anekdote aus dem Alltag wert. In China ist derzeit der Strom knapp. Daher wird der Strom außerhalb Pekings immer mal wieder abgestellt. Wir kriegen in Peking davon direkt nichts mit. Peking genießt wohl als Hauptstadt einen Sonderstatus. Aber mittelbar erlebe ich die Auswirkungen doch: Wir erwarten auf der Arbeit für einen neuen Prüfstand ein ziemlich großes Maschinenteil. Der Hersteller hat uns kurzfristig mitgeteilt, dass sich die Lieferung um einige Tage verspäten wird. Grund: Die Firma muss die Produktion für einige Tage ruhen lassen, da der Strom abgeschaltet wird. Der Strommangel wird wohl durch den ständig steigenden Energiebedarf Chinas und die hohen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt ausgelöst. Vermutlich verschärft dadurch, dass China australische Importe (von Wein, Fleisch, aber auch von Kohle) nicht mehr zulässt. Australien hat sich wohl politisch zu kritisch gegenüber China geäußert. Restlos klar ist mir nicht, wie es zu dieser Strommangel-Situation kommt und meine Kollegen konnten mir das auch nicht so ganz erklären. Es scheint wohl, dass die langen Schlangen an den Zapfsäulen in England in der Presse intensiver diskutiert werden als der Strommangel in China.

Die Anekdote mit der Lieferverzögerung geht noch weiter: Kurz vor dem verschobenen Liefertermin des großen Stahlteils teilt uns die Lieferfirma eine erneute Verschiebung des Liefertermins mit. Aufgrund der starken Luftverschmutzung am Standort der Firma, etwa 500 km von Peking entfernt, sind Lackierarbeiten für einige Tage verboten. Wir hoffen, dass das Teil bald kommt. Auch in Peking war in den letzten Tagen die Luft schlecht (für die Fachleute oder ehemaligen Expats: AQI 250). In Huairou hat die Luft sogar sowas wie „Geschmack“ gehabt. Verglichen mit dem, was Kollegen erzählen, die vor acht Jahren hier waren, kann man aber sagen, dass Luftverschmutzung heute nur noch an wenigen Tagen ein Problem ist. 

Und noch was aus dem Alltag: Vielleicht habe ich jetzt rausgefunden, warum die Chinesen den Blinker beim Autofahren so ungern verwenden. In der Regel eigentlich gar nicht. Wenn man nämlich blinkt und damit anzeigt, die Spur wechseln zu wollen, dann wird der Verkehrsteilnehmer diagonal hinter einem auf der anderen Spur nicht wie vielleicht zu erwarten eine Lücke lassen, sondern er wird sein Fahrzeug beschleunigen, um sicherzustellen, dass man nicht vor ihm in die Spur wechselt. Nicht-blinken hat den Vorteil, dass die anderen Verkehrsteilnehmer die eigenen Absichten nicht erkennen und möglicherweise größere Lücken lassen. Diese Lücken sind aber wichtig, um oft und rasch die Spur wechseln zu können. Und das machen wir hier gerne.

Das war’s aus dem Alltag, es grüßt Euch

Michael,

der immer blinkt, die Spur hält und jetzt rausgeht, um den blauen Pekinger Herbsthimmel mit jetzt wieder guten Luftwerten zu genießen.

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