Yangtze und Dreischluchtendamm

Bericht 49 aus China vom 18. August 2022, geschrieben von Michael.

Auf dem Yangtze

Von Chongqing aus sind wir mit dem Fluss-Kreuzfahrtschiff bis zum Dreischluchtendamm den Yangtze hinab gefahren. Das sind mehr als 500 Kilometer. Allerdings streng genommen fahren wir nicht über den Fluss, sondern über den Stausee. Der Rückstau des Yangtze durch den Dreischluchtendamm erstreckt sich bis oberhalb von Chongqing. Die gesamte Flusslänge, die durch den Schluchtendamm beeinflusst wird, ist 660 Kilometer.

Chongqing ist eine (weitere) riesige Stadt in China. Mehr als 20 Mio. Einwohner und viele Hochhäuser.  Abends ergibt sich am Flussufer des Yangtze eine farbenprächtige Skyline.

Der Yangtze ist eine wichtige Transportroute zwischen Sichuan, Chongqing und der Industrieregion um Shanghai. Er ist ein viel befahrener Fluss. Es gibt immer was zu sehen, wenn wir auf dem Schiff auf dem Balkon sitzen und auf den Fluss und in die Landschaft schauen. Wir sehen viele Frachtschiffe, Kreuzfahrtschiffe und Fähren, die Lkws den Yangtze flussauf- oder flussabwärts transportieren. Auch Autotransportschiffe sehen wir, die Neuwagen aus Chongqing oder nach Chongqing bringen.

Man sieht auch interessante technische Lösungen, so zum Beispiel ein Kreuzfahrtschiff, das die Abgaswolken, die aus dem Auspuff entweichen – durchaus mächtige schwarze Rußwolken – mit Wasser bespritzt, so dass sich die Rußwolke nicht ausbreitet. Interessant war auch ein Tankschiff, das seine Tanks permanent mit Wasser benetzt. Wir vermuten um die Ladung zu kühlen, damit sich keine Gase bilden oder sich die Ladung nicht zu stark ausdehnt in den Schiffstanks.

Wir haben auch Schiffs-Zerlegebetriebe und Schiffs-Produktionsbetriebe gesehen.

Wir sehen allerdings auch viele Schiffe, die am Rande des Flusses vertäut und offenbar nicht unterwegs sind, vor allem Frachtschiffe. Wir sehen auch Containerschiffe, die ganz offenbar nur halbvoll geladen sind. Wir fragen uns, ob es eine Überkapazität an Schiffstransport auf dem Yangtze gibt oder ob wir die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sehen, die in China wohl aufgrund von Corona und anderen Gegebenheiten Einzug gehalten hat.

Das typische Yangtze-Frachtschiff ist nicht so riesengroß, jedenfalls bei weitem nicht so groß, wie die Wasserstraße es vermutlich zulassen würde. Die Schiffe sind etwa so lang wie ein Rheinschiff. Die Aufbauten, in denen die Mannschaft und die Technik untergebracht sind, sind allerdings sehr viel größer. Das geht gut, da die Durchfahrtshöhen unter den Brücken auch viel höher sind als auf europäischen Binnenwasserstraßen.

Die Schiffe sind viele Tage auf dem Yangtze unterwegs. Der Yangtze ist einer der längsten Flüsse der Welt: In Summe 6500 km lang; davon sind 2800 km von der Mündung in Shanghai flussaufwärts schiffbar.

In Chongqing und auch weiter unten in einem Nebenarm des Yangtze haben wir Menschen im Fluss schwimmen sehen. Allerdings gilt der Yangtze River als einer der schmutzigsten Flüsse der Welt. Es ist der Fluss, der das meiste Plastik ins Meer spült. Angeblich wird ein zweistelliger Prozentanteil (man findet verschiedene Zahlen) des Plastiks, das weltweit in den Ozeanen schwimmt, über den Yangtze in die Ozeane gespült. Ich vermute, dass der meiste Dreck und Müll aus dem Unterlauf des Yangtze kommt. Der Teil des Yangtze, den wir befahren haben, sieht eher sauber aus, auch wenn man hin und wieder sieht, wie Leute ihren Müll einfach in den Fluss kippen.

Die Höhendifferenz zwischen dem Wasserstand, den wir gesehen haben und dem Höchst-Wasserstand im Yangtze-Stausee ist beachtlich. Das Stauziel im Winter liegt wohl bei 178m Wasserpegel (im Internet kann man sehen, dass das Stauziel in den letzten Jahren nicht mehr ganz erreicht wurde) und im Sommer liegt der Pegel bis zu 35 m tiefer. Wir haben den Yangtze – oder man müsste besser sagen: den Dreischluchten-Stausee – bei sehr niedrigem Wasserstand erlebt, ca. 147 m, also rund 30 m unter dem Stauziel. Man sieht das auch überall am Ufer, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Wasserhöchststand und dem Wasserstand im Juli gibt.

Der Dreischluchten-Staudamm hat nicht nur den Yangtze viele hundert km rückwärts aufgestaut und das Tal überschwemmt, sondern natürlich auch alle Seitentäler des Yangtzes und das sind auf einer Flusslänge von 660 km ziemlich viele.

Sehenswürdigkeit?

Unser erster Landgang auf der Flussfahrt war in einer Stadt namens Fengdu. Dies ist wohl eine völlig neu gegründete Stadt: Die Dörfer, die am Fluss lagen, sind umgesiedelt worden, als der Stausee das Yangtzetal unter Wasser gesetzt hat. So ist am Fluss beispielsweise die neue Stadt Fengdu für die umgesiedelten Menschen gebaut worden. Laut Wikipedia hat der gesamte Dreischluchtenstausee zur Umsiedlung von 1.3 Mio. Menschen geführt. Fengdu ist eine chinesische Stadt voller Hochhäuser.

Auf der anderen Flussseite gegenüber von Fengdu, dort, wo früher wohl die Dörfer waren, gibt es auf einem Hügel einen Tempel, der von den Kreuzfahrtschiffen als Sehenswürdigkeit angesteuert wird. Dadurch, dass er auf einem Hügel liegt, ist der Tempel nicht im Wasser versunken. Der Originaltempel ist wohl aus der Ming Dynastie gewesen. Er ist allerdings in der Kultur-Revolution zwischen 1966 und 1976 zerstört worden. Der lokale Führer, dem wir ein paar Fragen gestellt haben, sagt nicht Kultur-Revolution, sondern spricht von „bad people“ in der Zeit von 1966 bis 1976.

Das, was man heute besichtigen kann, ist ein moderner Wiederaufbau. Was mir auffällt ist, dass die wieder aufgebauten Tempel – wir haben mittlerweile viele davon gesehen –  alle den gleichen – ich würde sagen „Pekinger“ – Stil haben. Ich weiß nicht, ob das heutige Absicht ist – Gleichmacherei ist in China durchaus gewünscht – oder ob das historisch schon immer so war, dass alle diese Tempel gleich aussahen. Beim Besichtigen des Tempels gibt es ein festes Programm, das alle chinesischen Touristen mitmachen. Der Tourist hat zum Beispiel über eine Brücke zu steigen, da ihm das irgendwelche Vorteile im Jenseits einbringen wird. Die Touristen stehen bei brüllender Hitze in der Sonne Schlange und warten darauf über die Brücke zu schreiten und fotografiert zu werden. In der Sonne stehen ist hier schon sehr speziell, es ist wahnsinnig heiß und feucht, selbst morgens um acht ist man nach 500 Schritten schon pitschnass geschwitzt.

Wie bei einigen „Sehenswürdigkeiten“, die wir gesehen haben, habe ich auch bei diesem Tempel nicht verstanden, ob er wirkliche sehenswürdig ist oder ob es einzig so war, dass die Tourismusplaner an dieser Stelle eine Station für die Touristenmassen brauchten. Interessant ist auf jeden Fall die Geschichte der Stadt Fengdu.

Ein weiterer Landgang war ein Ausflug am Abend zu einer gigantischen Show auf einer ebenso gigantischen Freilichtbühne. So viel Bühnentechnik auf einen Haufen haben wir alle noch nie gesehen. Videosequenzen wurden auf einen Wasserschleier projiziert, der mit großen Wasserfontänen hergestellt wurde, eine riesige Wasserfontäne, die das Wasser wohl hundert Meter in den Abendhimmel geschossen hat, fahrende Zuschauertribünen, fahrende Bühnenbilder, dutzende Schauspieler, die synchron auf die Bühne geschwebt kommen, Feuer auf der Bühne, mindestens zwanzig Pferde gleichzeitig auf der Bühne… Es war einfach eine gigantische Technikshow.  

Wir waren uns allerdings auch alle einig, dass abgesehen von der gigantischen Technik, die dargeboten wird, die Aufführung an sich nicht an unseren Herzen berührt hat. Es ging um Yuan Gu, einen Kriegshelden aus der Zeit der drei Königreiche. Offizieller Titel der Show war “The three kingdoms on fire”. Unser Highlight war, dass während der Show eine kleine Fledermaus auf den sitzenden David gekracht ist und süß gequietscht hat; nach einer kurzen Schrecksekunde ist sie wieder davongeflogen.

Noch eine Randbemerkung schon zum schon erwähnten Wetter: Selbst abends um 21:30 Uhr ist es so heiß, dass uns der Schweiß in Strömen runter fließt, selbst wenn wir nur im Freien sitzen und uns gar nicht bewegen.

Die Fahrt durch die namensgebenden drei Schluchten ist natürlich eine der Hauptsehenswürdigkeiten auf der Flusskreuzfahrt: Der Fluss wird links und rechts von mehreren hundert Meter hohen Felswänden und Bergen eingerahmt.  Dort, wo die Felswände sich direkt am Fluss auftürmen, bildet sich ein starker Wind. Eine der drei Schluchten des Yangtze hat es als Motiv auf den 10 Yuan-Schein geschafft.

Neben den drei Schluchten, durch die der Yangtze strömt, gibt es weitere Schluchten, die von Nebenflüssen des Yangtse gegraben wurden. Diese Nebentäler sind durch den Dreischluchtendamm natürlich auch über viele Kilometer flussaufwärts unter Wasser gesetzt worden. Ein besonders schönes Nebental sind wir mit kleineren Ausflugsbooten hochgefahren. Die Touristenführer nennen es die „Lesser Three Gorges“.

Von den Ausflugsbooten kann man in noch kleinere Holzkähne umsteigen und die Mini-Three-Gorges hochfahren.

Eine Besonderheit in dem Nebental, durch das wir gefahren sind, sind die sogenannten hängenden Särge: Eine Volksgruppe hat vor Jahrhunderten ihre Toten weit oben in den Felswänden bestattet, damit sie dem Himmel nah sind. Zwei dieser hängenden Särge kann man vom Boot aus sehen.

Das Ende der Flusskreuzfahrt ist der Dreischluchtendamm. Einer der größten Staudämme der Welt und sicher auch einer der umstrittensten. Der Damm selbst sieht gar nicht so beeindruckend aus: Da er über 2 km lang ist, wirkt die Höhe von rund 120m gar nicht so imposant. Als wir da waren, im Juli, sah man auch keine imposanten Wasserfontänen aus dem Damm austreten, wie man das vielleicht schon auf Fotos oder im Fernsehen gesehen hat. Dieses Schauspiel bietet sich vermutlich nur, wenn sehr, sehr viel Wasser am Damm ankommt.

Hoffe, ihr seid alle auf dem Damm!

Liebe Grüße

Euer Michael

Ein Kommentar zu “Yangtze und Dreischluchtendamm

  1. Vielen Dank für eure so informativen Berichte. Auch euer Stil gefällt mir: sachlich distanziert, und mit gelegentlichen kritischen Anmerkungen.

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